Winterreise

Foto: Julian Röder
ca. 3 Stunden, eine Pause



Einerseits ist „Winterreise“ das 15. Stück von Elfriede Jelinek, das nach Mülheim geladen wurde. Andererseits ist es sozusagen alle Jelinekstücke in einem: Die wesentlichen Elemente des Jelinektheaters sind in diesem Werk auf kompakte Weise versammelt. Den Bezugsrahmen, in den die Autorin ihre Texte gern stellt, bildet diesmal Franz Schuberts und Wilhelm Müllers lebensmüder Liederzyklus „Winterreise“; die acht Szenen des Stücks beziehen sich – mehr oder weniger deutlich – auf acht Lieder aus dem Zyklus.
In manchen verarbeitet Jelinek in gewohnter Manier aktuelle Ereignisse, etwa den Finanz-skandal um Bayerische Landesbank und Hypo Alpe Adria oder den Entführungsfall Natascha Kampusch. Andere Passagen sind stark autobiografisch gefärbt. Eine Szene ist dem an Alzheimer erkrankten Vater gewidmet („Mein Verstand ist mir schon längst vorausmarschiert, einholen kann ich ihn nicht mehr“), in einer anderen zeichnet Jelinek das sarkastische Selbstporträt einer einsamen Frau, die vor dem Computer sitzt und auf Mails von der Partnerbörse wartet.
Souverän und meisterhaft arrangiert Elfriede Jelinek in „Winterreise“ ihr extremes Innen/Außen-Kontrastprogramm. Denn so welthaltig dieses Theater ist, so radikal privat ist es zugleich auch: „Ich spreche mit mir selbst, sonst spricht ja niemand mit mir.“
Wolfgang Kralicek

Uraufführung: 
am 3. Februar 2011

Mit: Benny Claessens, Jan Czajkowski, Katja Herbers, Stefan Hunstein, André Jung, Wiebke Puls, Hildegard Schmahl, Kristof Van Boven
Regie: Johan Simons
Bühne: Johan Simons
Kostüme: Dorothee Curio
Musikalische Konzeption: Christoph Homberger, Martin Schütz, Jan Czajkowski