Versetzung

Thomas Melle: Versetzung / Foto: Arno Declair
2 Stunden, keine Pause



Ronald Rupp ist motiviert, ein engagierter und beliebter Lehrer eines Gymnasiums, seine Frau schwanger und er soll Schuldirektor werden. Es läuft gut für ihn. Doch vor über zehn Jahren wurde ihm eine bipolare Störung diagnostiziert, die er beim Schuleintritt dem Amtsarzt verschwiegen hatte. Auch wenn er seit Jahren stabil und medikamentös gut eingestellt ist, wird ihm dies an der Schwelle zum Karrieresprung zum Verhängnis. Neider, Unsicherheiten, dunkle Erinnerungen treten auf.
Dass Thomas Melle die Spaltung der Wirklichkeit eines Manisch-Depressiven so präzise beschreiben kann, mag mit seiner eigenen Krankheitserfahrung, die er in seinem autobiografischen Roman Die Welt im Rücken zum Thema gemacht hatte, zusammenhängen. In Versetzung erzählt er in schnellen, prägnanten Szenen nicht nur den (Krankheits-)Fall eines Lehrers und die Zersetzung seines sozialen wie institutionellen Umfelds, sondern auch die Sprache und die Struktur des Textes verrücken zusehends. Rupp missversteht, was gesagt wird, er verhört sich und fängt selbst an, in Reimen zu sprechen. Die Wahrnehmung kippt. Diese Perspektivenänderung schließt sukzessive das Bühnenpersonal und selbst das Publikum ein. Was ist wahr, was ist wirklich, worauf ist noch Verlass? Wie auf einem Spielbrett bewegen sich die Figuren in der Uraufführungsinszenierung von Brit Bartkowiak und zeigen eine Gesellschaft, die sich zunehmend selbst abhanden kommt.
Dagmar Walser

Uraufführung: 
am 17. November 2017, Deutsches Theater Berlin, Kammerspiele

Mit: Christoph Franken, Michael Goldberg, Daniel Hoevels, Judith Hofmann, Helmut Mooshammer, Linn Reusse, Anja Schneider, Caner Sunar, Birgit Unterweger
Regie: Brit Bartkowiak
Bühne: Johanna Pfau
Kostüme: Carolin Schogs
Musik/Sounddesign: Joe Masi
Chor-Einstudierung: Bernd Freytag
Dramaturgie: David Heiligers

Stückabdruck: 
Stückabdruck in Theater heute 1/2018