Untertagblues. Ein Stationendrama

"Das Abstoßende an Fremden: ich habe ihre Fehler und Untaten noch nicht als die eigenen erkannt." Dieser Satz aus Peter Handkes Journal "Das Gewicht der Welt" könnte ein passendes Motto zu seinem jüngsten Theaterstück sein, das eine überzeugende Mischung von Predigt und Publikumsbeschimpfung ist; eine Mischung, in der die tiefe Abscheu eines Dichters gegen den Missbrauch von Sprache und von nur noch Marktgesetzen verpflichteter Vernunft zum Ausdruck kommt. Hauptfigur ist "Der Volksredner oder Wilde Mann oder Spielverderber oder Volksfeind, oder was auch immer er darstellt", einer, der wie Ibsens Badearzt Dr. Stockmann gegen finstere Machenschaften, Korruption und die unheilvoll verschworene Front der "kompakten Majorität" zu Felde zieht, der sich widerwillig in Gesellschaft begibt, ein Bad in der Menge nimmt, obwohl er sie verachtet. Mit entschlossener Behauptungswut tritt er eine Art Höllenfahrt in den Alltag der Mehrheit an. Hinter der großen Schmährede an sein Publikum, hinter allem Furor seiner fanatischen Auflehnung, hinter allen Tiraden und Lästerungen, seiner Unduldsamkeit und seinem Hass aus enttäuschtem Schönheitswahn bleibt dennoch die Frage nach sozialen Verbindlichkeiten, die Sehnsucht nach Möglichkeiten menschlichen Zusammenlebens drängend. Belehrend redet sich dieser Wilde Mann in Rage und stößt das Denkmal, das er sich in seinem Verdammungseifer gegen die Masseninstinkte errichtet, um nicht in Lächerlichkeit zu erstarren, entschlossen wieder vom Sockel. Richtiger Zorn, das scheint er doch zu ahnen, ermöglicht am Ende auch ihn befreiende Heiterkeit.
Der Wiener Inszenierung dieses Stationendramas von Friederike Heller gelingt es, den Handkeschen Text in seiner ganzen Widersprüchlichkeit szenisch zu verlebendigen. Philipp Hochmair als Wilder Mann jongliert wie ein brillanter Conferencier mit den Beschimpfungen, er überzieht ständig sein Konto und zahlt dann aber wieder hohe Beiträge ein. Hoher Ernst und niederer Scherz halten sich glänzend die Waage. Und das Erste Wiener Heimorgelorchester macht die stimmige Musik zu diesem Untertagblues und mimt auf diese Art etliche Zu- und Aussteigende.
Klaus Völker

Uraufführung: 
30. September 2004 am Berliner Ensemble
Premiere: 
7. Oktober 2004 im Burgtheater / Akademietheater Wien

Ein wilder Mann: Philipp Hochmair
Eine wilde Frau: Bibiana Zeller
Etliche Zu- und Aussteigende: Erstes Wiener Heimorgelorchester
Regie: Friederike Heller
Ausstattung: Sabine Kohlstedt
Musik: Erstes Wiener Heimorgelorchester
Video: Eldorado Kombinat - Manoa Free University
Licht: Werner Chalubinski
Dramaturgie: Sebastian Huber

Peter Handke nahm auf eigenen Wunsch nicht am Wettbewerb um den Mülheimer Dramatikerpreis teil.