Und dann

von Wolfram Höll
Schauspiel Leipzig

Wolfram Höll legt Erinnerungsspuren in den Kopf eines vielleicht sechs- bis achtjährigen Kindes, das Mitte der Neunziger in irgendeiner Plattenbausiedlung ohne Mutter mit seinem überforderten alleinerziehenden Vater gelebt haben muss. Solche Lebensrahmen-Details muss man sich im Text allerdings erst erschließen, denn Und dann kennt nur eine Perspektive: die eines Jungen, der sich seine fremde, neu/alte Umgebung erklären will und die vielen Einzeleindrücke, aus denen sich kein rechtes Sinngebäude ergeben will, mit einem unablässigen „und dann“ aneinander klebt. Eine wackelige, lückenhafte Welt entsteht aus langen eintönigen Tagen, verblassenden Erinnerungsresten, täglichen Routinen und zuweilen rätselhaftem Vaterverhalten.

Da gibt es die seltsamen Steine vor dem sonst so rechteckigen Plattenbau; den Vater, der tagelang in seinem Zimmer verschwindet und an einem alten Funkgerät oder Filmprojektor bastelt; Ausflüge in die nahe Stadt mit einer großen Straße, auf der früher einmal im Jahr die Panzer fuhren und jetzt die neuen Autos. Dazwischen blitzen Erinnerungen an die Mutter, die unverständlicherweise nicht mehr da ist, an Schlafengehen- und Aufstehenmüssen. Phrasen wiederholen sich und spalten sich auf in verschiedene Tonspuren eines inneren Monologs, in Erzählschübe und -Blockaden, in Ungeduld, Langeweile, Staunen und Nachdenken. Am Ende weiß man alles über diesen kleinen Menschen, ohne dass man deshalb mehr über ihn erfahren hätte als er von sich selber auch nicht weiß.

Franz Wille

 

Uraufführung am 04.10.2013, Schauspiel Leipzig


Mit:
Daniela Keckeis, Wenzel Banneyer, Heiner Kock, Markus Lerch

Regie: Claudia Bauer                                                      
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Bühne und Kostüme: Andreas Auerbach    
Musik: Peer Baierlein
Dramaturgie: Esther Holland-Merten und Matthias Huber
 

Aufführungsdauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause
Aufführungsrechte: Suhrkamp Verlag, Berlin


Stückabdruck in Theater heute, Heft 12/2013


www.schauspiel-leipzig.de

 

 

   

 

Wolfram Höll über "Und dann"
"Verlust ist ein Thema, das jedem einmal begegnet"

Alle Filme von Max Büch und Alexander Viktorin

Wolfram Höll

Geboren 1986 in Leipzig
Wolfram Höll studierte Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut Biel und Theater an der Hochschule der Künste Bern. Sein vielfach ausgezeichnetes Stück „Und dann“ wurde 2013 am Schauspiel Leipzig uraufgeführt. Für das Stück wurde Höll der Mülheimer Dramatikerpreis 2014 verliehen und in der Kritikerumfrage von Theater heute wurde er zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gewählt. In der Spielzeit 2014/15 war Höll Hausautor am Theater Basel, wo im Mai 2015 sein Stück „Vom Verschwinden vom Vater“ uraufgeführt wurde. 2016 erhielt er erneut den Mülheimer Dramatikerpreis für „Drei sind wir“.
Wolfram Höll ist freier Autor und Hörspielregisseur und -dramaturg beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF. Er lebt in Biel/Bienne.

Stücke
Und dann
UA 4.10.2013, Schauspiel Leipzig, Regie: Claudia Bauer – Mülheimer Dramatikerpreis 2014
Vom Verschwinden vom Vater UA 7.5.2015, Theater Basel, Regie: Antje Schupp
Drei sind wir UA 20.2.2016, Schauspiel Leipzig, Regie: Thirza Bruncken – Mülheimer Dramatikerpreis 2016
Disko UA 9.2.2019, Schauspiel Leipzig, Regie: Ivan Panteleev – „Stücke 2019“

Publikationen
2016 Und dann / Vom Verschwinden vom Vater / Drei sind wir, Suhrkamp, Berlin

Hörspiele
2012 Und dann, Deutschlandradio Kultur
2014 Professor Zickendraht und der Äther des Bösen, SRF 2 Kultur
2014 Das also ist der Westen, SRF 2 Kultur
2015 Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennen lernen, SRF 2 Kultur
2015 Im Ausseralpinen, SRF 2 Kultur
2016 Das Vogelhaus, SRF 2 Kultur
2017 Giro ’49, SRF 2 Kultur
2018 Wir sind schön, für hässliche Leute, SRF 2 Kultur
2018 Schlaf ich auf Sand, SRF 2 Kultur

Auszeichnungen und Preise
2012 Nachwuchspreis des Freundeskreises des Theaters Heidelberg
2012 Bester „Theatertext als Hörspiel“ beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens in Kooperation mit Deutschlandradio Kultur
2013 Literaturpreis des Kantons Bern für „Und dann“
2014 Mülheimer Dramatikerpreis für „Und dann“
2015 Lessing-Förderpreis des Freistaates Sachsen
2015 Dramatikerpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft
2016 Mülheimer Dramatikerpreis für „Drei sind wir“
2018 Bronze für das Hörspiel „Das Vogelhaus“ beim Grand Prix Nova

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