Symposium 2011 - Vom launischen Geld

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Vom launischen Geld

28. bis 29. Mai 2011

In einer zunehmend unübersichtlicher werdenden Welt schien nichts mehr Verlässlichkeit zu bieten als das Geld. Jedenfalls bis zum Herbst 2008, als überraschend die größte finanzielle Kernschmelze seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts einsetzte. Zeigte das geschmeidige Wertäquivalent damit sein wahres Gesicht oder welchen Charakter soll man diesem ökonomischen Schmiermittel attestieren, das sofort globale Turbulenzen verursacht, wenn ihm das Vertrauen entzogen wird?
Das Symposium fragt sich: Wie sehen Alternativen zum freien Spiel der Finanzkräfte aus? Welche Potenzen in der deregulierten Welt können, neben Vertrauen und Risikoanalyse, den Schwankungen der Finanzmärkte Einhalt gebieten?
(Frank Raddatz)

Programm

Samstag, 28. Mai

11.00 – 12.30 Uhr
Wolfgang Pircher (Medienphilosoph, Universität Wien)
Bernd Stegemann (Theaterwissenschaftler und Dramaturg, Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin)
Dem Vertrauen misstrauen
Die Finanzkrise erschüttert das Vertrauen, so lehren es die Medien in vertrauter Einhelligkeit. Haben uns die Banken bislang zu sehr vertraut?
Was immer ein Mehr oder Weniger an Geld auch charakterlich wie psychisch bewirken mag, allererst setzt es Vertrauen voraus. Ohne Vertrauen kein Kredit. Vorrangig sind, um die Zirkulation des Geldes in Schwung zu bringen wie am Laufen zu halten, soziale Qualitäten gefordert. Wenn aber das Geld nur fluktuiert, wenn es auf die soziale Qualität des Vertrauens aufsockeln kann, welches politische Potential steckt dann im Misstrauen?  

13.00 - 14.30 Uhr
Georg Mein (Germanist, Universität Luxemburg)
Marcus Steinweg (Philosoph, Hochschule für Bildende Künste Braunschweig)
Die Erfindung der Identität
Nicht zufällig entsteht in der griechischen Antike Geldwirtschaft und philosophisches Denken zeitgleich. Die Identität A = A ist ebenso Grundaxiom der Logik wie eine Münze ihren zugeschriebenen Wert behält wie abgegriffen sie auch immer sei. Ihre Beständigkeit wird von ihrem Wesen garantiert und nicht von ihrer Erscheinungsform. Mit der Erfindung der Identität entsteht jene Dynamik, welche die europäische Kultur bis heute prägt und antreibt.

15.00 - 16.30 Uhr
Ralph Heidenreich (Autor, Biberach an der Riß)
Stefan Heidenreich (Kulturwissenschaftler, Berlin)
Wolfgang Schmidt (Ökonom, Göteborg/Schweden)
Kapital Exorzismen
Nachdem das Industriekapital vom fiktiven Kapital virtueller Finanzströme abgelöst wurde und die Konsortien digitalisierter Heuschrecken ganze Volkswirtschaften kahlfressen, scheint das Geld als einzige Wahrheit nur „More is More!“ anzuerkennen. Wie dem „Gespenst des Kapitals“ (Joseph Vogl) zu Leibe rücken? Oder wird sein Spuk ewig währen, wie neoliberale Scharfmacher behaupten? Doch wie fiktiv die Derivate des Kapitals auch immer sind, finden sie stoffliche Grenzen. Die Ressourcen sind begrenzt, der Planet ist globalisiert. Was kann uns vor dem Hunger der Vermögen schützen, die nur existieren, wenn aus mehr noch mehr wird?

Sonntag, 29. Mai
11.00 – 12. 30 Uhr
Micha Brumlik (Erziehungswissenschaftler, Goethe-Universität Frankfurt am Main)
Kathrin Röggla (Autorin, Berlin)
Geld als Symptom
Auch wenn sich das Geld mittlerweile verselbstständigt hat und zuweilen für den einfachen User Undurchschaubares produziert, ist es doch von Menschen erfunden. Doch welche psychischen Dispositionen tragen seine Extravaganzen, welche Triebenergien verleihen ihm einen libidinösen Schein? Die kulturellen Zeichen rund um das Geld geben Aufschluss über die seelische Verfasstheit der unruhigen Bürger von Global Village, das bislang noch ganz im Zeichen der neoliberalen Wirtschaftsordnung steht.

13.00 – 14.00 Uhr
Abschlussdiskussion
Frank Raddatz und Helmut Schäfer diskutieren mit den Referenten und dem Publikum die Resultate des Symposiums.


Das Symposium fand im Theater an der Ruhr statt.


In Zusammenarbeit und mit Unterstützung von:
Evangelische Akademie im Rheinland und Theater an der Ruhr