Schwarze Jungfrauen

Szene aus Schwarze Jungfrauen von Feridun Zaimoglu/Günte



Manchmal ist sie in sich gekehrt. Dann wieder spricht sie so unverblümt mit ihrer Mutter über deren Probleme, dass man meint, sie sei die Mutter ihrer Mutter. Auf der anderen Seite trägt das Mädchen Wunden auf dem Rücken, die davon rühren, dass sie sich von ihrem ersten Freund verprügeln lässt. Eigentlich will sie das nicht, trennt sich vorerst aber auch nicht von ihm, während sich gleichzeitig eine Liebesgeschichte mit einem anderen Jungen entspinnt und sie den jüngeren Bruder in Schach halten muss. Der ist überaus aggressiv und rundet das Bild eines Haushalts der Besserverdienenden ab, das nicht unbedingt dem Familienbild ehemaliger Nachrichtensprecherinnen und amtierender Bischöfe entspricht.
Leyla kommt aus dem arabischen und meint „Nacht“. Da in heutigen Familien nichts mehr ist, wie es scheint, stellt Darja Stocker mit Leyla eines jener Nachtwesen vor, die einen Ausweg aus der Verlogenheit pseudoliberaler Erziehungsverhältnisse suchen. Es sieht so aus, als habe sie den Notausgang bereits gefunden, indem sie mit ihrem neuen Freund Moe den Absprung aus der selbstverschuldeten Duldsamkeit probt und dabei so selbstbewusst wirkt, dass man sich wohl keine Gedanken mehr um sie machen muss. Gleiches gilt für Darja Stocker, deren Sprache sich nicht nur im Kopf einnistet, sondern auch die Theater von Zürich über München und Hannover bis Hamburg veranlasste, den Erstling zu inszenieren und die Potentiale des Stücks frei zu legen.
Jürgen Berger

Uraufführung: 
am 17. März 2006, HAU 3, im Rahmen von „Beyond Belonging – Migration2“

Rollstuhlfahrerin: Melek Erenay
Bosnierin: Pinar Erincin
Partymädchen: Pegah Ferydoni
Studentin: Nermin Uçar
Konvertierte: Katja Zinsmeister
Inszenierung: Neco Çelik
Bühne: Mascha Mazur

Spielfassung von Insa Popken und Tuncay Kulaoglu

Stückabdruck: 
Stückabdruck in Theater heute, 5/2006