Rechnitz (Der Würgeengel)

Szene aus Rechnitz (Der Würgeengel) von Elfriede Jelinek



Rechnitz – der Ort im österreichischen Burgenland steht für ein Massaker, das in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 geschah. In jener Nacht feierte Gräfin Margit Batthyány, geborene Thyssen, auf ihrem Schloss ein „Gefolgschaftsfest“ mit Nazi-Größen, das in der bestialischen Ermordung von 180 ausgemergelten, jüdisch-ungarischen Zwangsarbeitern gipfelte. Elfriede Jelinek rekonstruiert den historischen Fall nicht, sondern lässt ihn, gekleidet in die Form eines wild assoziierenden, sich windenden und widersprechenden Botenberichts, sprachlawinenartig über uns hereinbrechen. In den Geröllmassen des Textes offenbaren sich, Schicht um Schicht, nicht nur die Abgründe unseres Sprechens und beredten Verschweigens, sondern auch die Fallgruben jeglicher (auch noch so gut gemeinter) Erinnerungsarbeit.Der Jelinek-Spezialist Jossi Wieler hat das hundert Seiten starke Textkonvolut in klug kondensierter Form auf fünf großartige Schauspieler verteilt: zwei Frauen (Hildegard Schmahl, Katja Bürkle), drei Männer (André Jung, Hans Kremer, Steven Scharf), die als gefräßige „Boten“ in Abendgarderobe die Gräuel der Vergangenheit rhetorisch umtänzeln und sich dabei lüstern an die Wäsche gehen. Wieler inszeniert an diesem scham- und gnadenlosen Gute-Laune-Abend nicht nur die Banalität, sondern auch die Obszönität des Bösen. Es ist ein frivoler, Zähne bleckender danse macabre, in seiner Wirkung zutiefst beklemmend.
Christine Dössel

Uraufführung: 
28. November 2008

Mit: Katja Bürkle, André Jung, Hans Kremer, Steven Scharf, Hildegard Schmahl
Regie: Jossi Wieler
Bühne und Kostüme: Anja Rabes
Dramaturgie: Julia Lochte
Musik: Wolfgang Siuda
Licht: Max Keller