Nachtblind

von Darja Stocker

Stücke 2007

 

 

 
Thalia Theater Hamburg

Manchmal ist sie in sich gekehrt. Dann wieder spricht sie so unverblümt mit ihrer Mutter über deren Probleme, dass man meint, sie sei die Mutter ihrer Mutter. Auf der anderen Seite trägt das Mädchen Wunden auf dem Rücken, die davon rühren, dass sie sich von ihrem ersten Freund verprügeln lässt. Eigentlich will sie das nicht, trennt sich vorerst aber auch nicht von ihm, während sich gleichzeitig eine Liebesgeschichte mit einem anderen Jungen entspinnt und sie den jüngeren Bruder in Schach halten muss. Der ist überaus aggressiv und rundet das Bild eines Haushalts der Besserverdienenden ab, das nicht unbedingt dem Familienbild ehemaliger Nachrichtensprecherinnen und amtierender Bischöfe entspricht.
Leyla kommt aus dem arabischen und meint „Nacht“. Da in heutigen Familien nichts mehr ist, wie es scheint, stellt Darja Stocker mit Leyla eines jener Nachtwesen vor, die einen Ausweg aus der Verlogenheit pseudoliberaler Erziehungsverhältnisse suchen. Es sieht so aus, als habe sie den Notausgang bereits gefunden, indem sie mit ihrem neuen Freund Moe den Absprung aus der selbstverschuldeten Duldsamkeit probt und dabei so selbstbewusst wirkt, dass man sich wohl keine Gedanken mehr um sie machen muss. Gleiches gilt für Darja Stocker, deren Sprache sich nicht nur im Kopf einnistet, sondern auch die Theater von Zürich über München und Hannover bis Hamburg veranlasste, den Erstling zu inszenieren und die Potentiale des Stücks frei zu legen.

Jürgen Berger

Leyla: Lisa Hagmeister
Moe: Ole Lagerpusch
Mutter: Anna Steffens
Rico: Patrick Güldenberg

Regie: Jette Steckel
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Pauline Hüners

Uraufführung am 18. März 2006 am Theater an der Winkelwiese, Zürich

Premiere am 22. November 2006 am Thalia in der Gaußstraße


Aufführungsrechte: henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag, Berlin
Stückabdruck in Theater heute, 7/2006

 

 

 

 

 

 

 

Fotos: Simone Scardovelli

 

Darja Stocker

Geboren 1983 in Zürich.
Seit 1998 erste literarische Prosa- und Theatertexte. Praktische Theatererfahrungen sammelt sie seit 2000 als Mitwirkende bei mehreren Inszenierungen am Theater an der Sihl in Zürich. Teilnahme an Schreib-Workshops, erste szenische Lesungen von dramatischen Texten.
2002 nimmt sie am Festival junger Dramatiker „Interplay“ im ungarischen Pécs teil. Aufführung des szenischen Versuchs „Koma" am Theater an der Sihl. 2003 Arbeit als Regieassistentin, Teilnahme am DramatikerInnentreffen der Bundesakademie Wolfenbüttel und am Autoren-Förderprojekt „Dramenprozessor" am Züricher Theater an der Winkelwiese.
Derzeit studiert Darja Stocker Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin.

Ihr Debütstück „Nachtblind“ entstand im Rahmen der Autorenwerkstatt „Dramenprozessor“ am Züricher Theater an der Winkelwiese.
Das Stück wurde auch als Hörbuch produziert (2006, Edition „Das Schweizer Radio DRS-Hörbuch“, Christoph Merian Verlag). 2011 Teilnahme am International Residency in London und am „Reveil“-Theaterfestival in Alexandria.

 

Stücke

Nachtblind UA: 18.03.2006, Theater an der Winkelwiese Zürich, Regie: Brigitta Soraperra – „Stücke ´07“ (Inszenierung des Thalia Theater Hamburg, Regie: Jette Steckel)
Zornig geboren UA: 03.06.2009, Maxim Gorki Theater Berlin / Ruhrfestspiele Recklinghausen, Regie: Armin Petras
Reicht es nicht zu sagen ich will leben (gemeinsam mit Claudia Grehn) UA: 30.06.2011, eine Koproduktion des Deutschen Nationaltheaters Weimar mit dem Schauspiel Leipzig, Regie: Nora Schlocker – „Stücke 2012“

Darja Stocker wird vertreten durch den henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag, Berlin.
 

Preise

2005 Erster Preis des Heidelberger Stückemarktes für „Nachtblind“

(Stand 2012)