Morgen in Katar

Foto: Dominik Ketz



Ein Zug macht eine Notbremsung: Ein Mensch hat sich vor die Schienen geworfen. „Personenschaden“ nennt das die Bahn. „Unsere Weiterfahrt wird sich auf unbestimmte Zeit verzögern“. Theresia Walser nimmt diese Situation zum Anlass für eine vielschichtige Komödie der Alltäglichkeit, in dem die Einheit von Ort, Zeit und Raum buchstäblich enggeführt wird. Der ICE-Großraumwagen wird zum Wartesaal, in dem die Reisenden nicht nur über Taschen, sondern auch über sich selber stolpern. Es ist ein Sozio-Labor auf engstem Raum. Sprachlich aber weitet sich der Horizont bis in ferne Wüsten und in den Orient.
Das Personal, das Theresia Walser in „Morgen in Katar“ versammelt – in der Kasseler Inszenierung von Schirin Khodadadian auf einer schiefen Ebene wie auf einem Floß platziert - ist bunt aus dem Fahrgastleben zusammengewürfelt: Ein Geschäftsmann mit Headset, eine Architektin mit Zahnweh, ein Besserwisser aus der Versicherungsbranche, ein altes Ehepaar, eine Saharareisende, ein Berufsjugendlicher auf der Fahrt zum sterbenden Vater und ein Kulturdirektor auf dem Weg nach Katar bilden eine Schicksalsgemeinschaft, in der jeder gegen die Zeit anredet. Dazu kommen ein überforderter Schaffner und Christa, die Frau mit dem Minibarwagen, aus dessen Alkoholvorräten man sich reichlich bedient. Und dann ist da noch ein schlafender Araber, der Misstrauen und diffuse Ängste auslöst. Denn so viel sie auch plappern und sich wichtig machen: Unten drunter lauert der Tod, und der ist nicht wegzureden.
Christine Dössel

Uraufführung: 
2. März 2008

Mit: Birte Leest, Therese Dörr, Jürgen Wink, Eva-Maria Keller, Andreas Beck, Nico Link, Uwe Rohbeck, Hans-Werner Leupelt, Max Engelke, Aljoscha Langel, Christina Weiser
Inszenierung: Schirin Khodadadian
Ausstattung: Ulrike Obermüller
Musik: Katrin Vellrath

Auftragsarbeit für das Staatstheater Kassel
Aufführungsrechte der UA: Verlag der Autoren, Frankfurt am Main