Kaspar Häuser Meer

Foto: Matthias Kolodziej



Obwohl dieses Stück ein Auftragswerk zum Thema Kindesmisshandlung ist, haben wir es nicht mit einem sogenannten „Sozialdrama“ zu tun. Im Gegenteil: „Kaspar Häuser Meer“ ist, wie alle Stücke der 1970 in Stuttgart geborenen Dramatikerin Felicia Zeller, eine Komödie. Wie das geht? Alles nur eine Frage der Perspektive: Zeller packt das Thema von der anderen Seite an. Ihr Stück spielt nicht in den Substandardwohnungen, wo sich jene alltäglichen Tragödien abspielen, von denen in den Medien regelmäßig berichtet wird, sondern im Sozialamt, wo eben diese Tragödien verhindert werden sollen. Weder Täter noch Opfer holt Zeller auf die Bühne, sondern drei Sozialarbeiterinnen. Und im Zentrum stehen nicht die von ihnen bearbeiteten Fälle, sondern die heillos überforderten Beamtinnen selbst, an denen der Stress der Sisyphos-arbeit im Amt nicht spurlos vorübergeht.
Die Fakten basieren zwar auf Recherchen der Autorin, aber dokumentarisches Theater darf man sich nicht erwarten. Auch als Lesedrama ist der Text kaum zu gebrauchen: Es handelt sich um eine Sprechpartitur, die erst auf der Bühne ihre Wirkung entfaltet. In der Freiburger Uraufführungsinszenierung (Regie: Marcus Lobbes) tut sie das auf eindrucksvolle Weise. Die Aufführung ist eine hysterische Hochgeschwindigkeitsfarce, die dem Publikum in einer atemlosen Stunde eine Ahnung vom ganz normalen Wahnsinn vermittelt, der auf der anderen Seite der Tragödie tobt.
Wolfgang Kralicek

Uraufführung: 
20. Januar 2008

Mit: Bettina Grahs, Britta Hammelstein, Rebecca Klingenberg
Regie: Marcus Lobbes
Bühne und Kostüme: Christoph Ernst
Dramaturgie: Josef Mackert