Kaspar Häuser Meer

von Felicia Zeller

Stücke 2008

 
Theater Freiburg

 
Obwohl dieses Stück ein Auftragswerk zum Thema Kindesmisshandlung ist, haben wir es nicht mit einem sogenannten „Sozialdrama“ zu tun. Im Gegenteil: „Kaspar Häuser Meer“ ist, wie alle Stücke der 1970 in Stuttgart geborenen Dramatikerin Felicia Zeller, eine Komödie. Wie das geht? Alles nur eine Frage der Perspektive: Zeller packt das Thema von der anderen Seite an. Ihr Stück spielt nicht in den Substandardwohnungen, wo sich jene alltäglichen Tragödien abspielen, von denen in den Medien regelmäßig berichtet wird, sondern im Sozialamt, wo eben diese Tragödien verhindert werden sollen. Weder Täter noch Opfer holt Zeller auf die Bühne, sondern drei Sozialarbeiterinnen. Und im Zentrum stehen nicht die von ihnen bearbeiteten Fälle, sondern die heillos überforderten Beamtinnen selbst, an denen der Stress der Sisyphos-arbeit im Amt nicht spurlos vorübergeht.
Die Fakten basieren zwar auf Recherchen der Autorin, aber dokumentarisches Theater darf man sich nicht erwarten. Auch als Lesedrama ist der Text kaum zu gebrauchen: Es handelt sich um eine Sprechpartitur, die erst auf der Bühne ihre Wirkung entfaltet. In der Freiburger Uraufführungsinszenierung (Regie: Marcus Lobbes) tut sie das auf eindrucksvolle Weise. Die Aufführung ist eine hysterische Hochgeschwindigkeitsfarce, die dem Publikum in einer atemlosen Stunde eine Ahnung vom ganz normalen Wahnsinn vermittelt, der auf der anderen Seite der Tragödie tobt.
Wolfgang Kralicek

Uraufführung am 20. Januar 2008 im Kleinen Haus

Regie: Marcus Lobbes
Bühne und Kostüme: Christoph Ernst
Dramaturgie: Josef Mackert

Mit:
Bettina Grahs
Britta Hammelstein
Rebecca Klingenberg

Aufführungsrechte: henschel SCHAUSPIEL Berlin


 

 

 

 

Fotos: Matthias Kolodziej

 

Felicia Zeller

Geboren 1970 in Stuttgart.
Felicia Zeller erhielt 1998 ihr Diplom von der Filmakademie Baden-Württemberg. Sie schreibt Theatertexte und Prosa, außerdem ist sie Autorin und Regisseurin vieler Filme und anderer Werke auf dem Gebiet der Neuen Medien. Für ihre Arbeiten erhielt sie zahlreiche Stipendien (u. a. 1999 das Ilse-Langner-Stipendium für Dramatikerinnen). In der Spielzeit 1999/2000 war sie Hausautorin am Theater Rampe in Stuttgart, 2012/2013 am Nationaltheater Mannheim. Zudem schreibt sie Kolumnen für die Stuttgarter Zeitung und veranstaltet Leseperformances.
Felicia Zeller lebt in Berlin.
 

 

 

Stücke

Immer einen Hund gehabt / plane crazy (1928) UA 14.4.1994, Württembergische Landesbühne Esslingen, Regie: Wolfram Apprich
Im Café Tassl UA 1.11.2000, IN-TEATA Köln, Regie: Inka Neubert
Meine Mutter war einundsiebzig und die Spätzle waren im Feuer in Haft
UA 28.7.2001, Theater Rampe, Stuttgart, Regie: Stephan Bruckmeier
Tot im SuperRiesenAquarium UA 28.7.2001, Theater Rampe, Stuttgart, Regie: Stephan Bruckmeier
Bier für Frauen UA 23.9.2001, Staatstheater Mainz, Regie: Christina Friedrich
Club der Enttäuschten UA 23.11.2001, Theater Konstanz, Regie: Markus Heinzelmann
Triumph der Provinz UA 11.4.2002, Theaterhaus Jena, Regie: Claudia Bauer
Vom Heinrich Hödel und seiner nassen Hand UA 1.2.2003, Schauspiel Essen, Regie: Anja Brunsbach
Ich Tasche UA 5.10.2003, Theater Oberhausen, Regie: Susanna Enk
Wenn ich was anderes machen würde, würde ich vielleicht nicht immer ans Geld denken UA 28.10.2004, Theaterhaus Jena, Regie: Roger Vontobel
Das Jahr der Freiwilligen. Libretto UA 19.11.2004, Pocket Opera Company, Nürnberg, Regie: Vicky Schmatolla / Alex Holtzsch
Einfach nur Erfolg UA 7.10.2005, Theater Freiburg, Regie: Christian von Treskow
Deutsches Hysterisches Museum UA 9.3.2007, Theater Bielefeld, Regie: Daniela Kranz
Kaspar Häuser Meer UA 20.1.2008, Theater Freiburg, Regie: Marcus Lobbes – Publikumspreis der „Stücke '08“
Der große Blöff/Entfernte Kusinen UA 16.5.2010, Saarländisches Staatstheater, Regie: Daniela Kranz
Gespräche mit Astronauten UA 24.9.2010, Nationaltheater Mannheim, Regie: Burkhard C. Kosminski – „Stücke 2011
X-Freunde UA 12.10.2012, Schauspiel Frankfurt, Regie: Bettina Bruinier – „Stücke 2013“
Die Welt von hinten wie von vorne UA 5.10.2013, Nationaltheater Mannheim, Regie: Burkhard C. Kosminski
Wunsch und Wunder UA 16.1.2015, Saarländisches Staatstheater Saarbrücken, Regie: Marcus Lobbes – „Stücke 2015“
Zweite allgemeine Verunsicherung UA 19.2.2016, Schauspiel Frankfurt, Regie: Johanna Wehner – „Stücke 2016“

 

Prosa

1999 Jackenfutter, Stadthaus-Verlag Ulm
2008 Einsam lehnen am Bekannten. Kurze Prosa, Lilienfeld Verlag, Düsseldorf

 

Hörspiele

2002 Bier für Frauen, WDR
2009 Kaspar Häuser Meer, NDR/Autorenproduktion
2010 Gespräche mit Astronauten, NDR
2014 Die Welt von hinten wie von vorne, BR

 

Auszeichnungen und Preise

1993 Baden-Württembergischer Jugendtheater-Autorenpreis
für Immer einen Hund gehabt / plane crazy (1928)
1999 Multimediapreis der Landeshauptstadt Stuttgart beim 12. Stuttgarter Filmwinter
für Mut der Ahnungslosen
2004 Teamwork Award der Hoppe-Ritter-Stiftung beim 17. Stuttgarter Filmwinter
für Zwei Videobriefe (mit Rigoletti)
2008 Publikumspreis der „Stücke ’08“ für Kaspar Häuser Meer
2009 Clemens Brentano Förderpreis für Literatur der Stadt Heidelberg
für Einsam lehnen am Bekannten
2010 Preis des Wirtschaftsclubs im Literaturhaus Stuttgart für Kaspar Häuser Meer
2013 Hermann-Sudermann-Preis für Dramatiker für X-Freunde

 

(Stand: März 2016)

 

www.felicia-zeller.de

 

 

Zweite allgemeine Verunsicherung

von Felicia Zeller
Schauspiel Frankfurt
Dienstag, 17. Mai, 20.00 Uhr, Mittwoch, 18. Mai, 19.30 Uhr, Stadthalle Studio

Wenn sich Felicia Zeller in früheren Stücken bestimmte soziale Milieus oder Berufsstände (Kaspar Häuser Meer (2008), X-Freunde (2013), Wunsch und Wunder (2015)) vorgenommen hat, um das je Spezifische und gerade dadurch über sich Hinausweisende auszustellen und in die Absurdität zu führen, schaut sie in ihrem neuen Stück auf die Gesellschaft als solche: Zweite allgemeine Verunsicherung stellt einen sozialen Zustand zur Schau. Und die Situation scheint ausweglos.

Drei Verortungen benennt die Autorin für ihre Recherche: den roten Teppich, das Theater und das Hinterzimmer. Protagonistin ist dabei eine Sprache, die sich die Dynamiken einer neurotischen Gesellschaft  längst einverleibt hat. Da versagen alle Selbstvergewisserungen, da ist selbst eine Entschuldigung keine Irritation mehr, da wird jeder Auftritt von den immer gleichen Automatismen angetrieben: die Performance der Wiederholung der Wiederholung des Scheiterns. Selbst die Hauptreferentin der 22. Bottroper Power-Tage, die sich der „positiven Betrachtung der Entwicklung unserer Welt“ widmen will, verheddert sich in kürzester Zeit in einem Strudel aus Selbstzweifeln und gekränkter Hoffnungslosigkeit.

Die Regisseurin Johanna Wehner verteilt Zellers grandiose Textfläche in der Frankfurter Uraufführung auf zwei Schauspielerinnen und drei Schauspieler. Opulent kostümiert verkörpern sie in einer apokalyptischen Vorhölle Zombies einer narzisstisch ernsthaft angeschlagenen Gesellschaft.

Dagmar Walser

 

Uraufführung am 19. Februar 2016, Schauspiel Frankfurt

 

Mit: Constanze Becker, Verena Bukal, Vincent Glander, Martin Rentzsch, Till Weinheimer

Regie: Johanna Wehner
Bühne: Volker Hintermeier
Kostüm: Ellen Hofmann
Musik: Joachim Schönecker
Dramaturgie: Henrieke Beuthner

Aufführungsdauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Aufführungsrechte: henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag, Berlin
Stückabdruck in Theater heute 2/2016

 

www.schauspielfrankfurt.de

 

 

 

 

 

 

 

Zeller, Felicia