Käthe Hermann

von Anne Lepper

Stücke 2012

Theater Bielefeld

„Käthe Hermann“, das hört sich nicht nach einem zeitgenössischen Stück an. Aber diese Käthe ist weder einer Figur von Gerhard Hauptmann noch die Heldin eines Mundart-Schwanks, sondern eine ältere Dame, die in der Überzeugung lebt, ihre Ballett-Weltkarriere stünde unmittelbar bevor. Mental verschanzt in einem Einfamilienhaus, dem der Abbruch für den Kohletagebau droht, lebt sie mit ihren beiden Kindern in der glücklichen Vorfreude auf ihren baldigen Ruhm. Vernünftige Einwände der Tochter kratzen ebensowenig an dieser weiblichen Don-Quixoterie in vier Wänden wie der Verlust von Haus und staatlicher Unterstützung. Nur der behinderte Sohn mit Sex-Manie hält Mutters Ballett-Windmühlen für echte Zukunfts-Riesen.
Anne Lepper, der mit „Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier“ noch ein zweites beachtenswertes Stück über schräge Kindheiten gelungen ist, präsentiert sich mit „Käthe Hermann“ als ein Ausnahmetalent. Sprachlich kunstvoll verknappt und doch reich an Weltbezügen und Subtexten entwickelt Lepper aus der kleinen Zelle das Porträt einer Gesellschaft des Selbstbetrugs. Stücke 2012: John Wesley Zielmann (Martin) und Hannah von Peinen (Irmi) in KÄTHE HERMANN von Anne Lepper, Inszenierung des Theaters Bielefeld
Drei schräge Figuren reichen voll- ständig aus, um die ganze verklei- dete Eigensucht auszumalen, mit der die Quoten-Medien die TV- Psychen ständig vollstopfen. Und so endet dieses Stück auch in einer großen mütterlichen Phantasie von Massen-suggestion durch eine Fernseh-übertragung ihres „Ideal-Lebens“ in die ganze Welt, während die Tochter stirbt.
Bizarr, verrückt, und doch so wahr.

Till Briegleb


Uraufführung am 5. Januar 2012 im TAMDREI


Inszenierung: Daniela Kranz
Bühne und Kostüm: Okarina Peter, Timo Dentler
Dramturgie: Claudia Lowin
Regieassistenz & Abendspielleitung: Lena Hesse


Käthe: Therese Berger
Irmi: Hannah von Peinen
Martin: John Wesley Zielmann


Aufführungsdauer: 1 Stunde, 20 Minuten, keine Pause

Aufführungsrechte: schaefersphilippen Theater- und Medien GbR, Köln

 

 

 

 

 

 

Fotos: Philipp Ottendörfer