Homo Empathicus

Szene aus Homo Empathicus von Rebekka Kricheldorf
Deutsches Theater Göttingen

1 Stunde 40 Minuten, keine Pause



Schöne neue Angestellten-Welt: Wenn in Rebekka Kricheldorfs „Homo Empathicus“ jemand seinen Job verliert, zerschlägt er nicht etwa das Firmenporzellan und hegt heimliche Mordgelüste gegen die verbliebene Belegschaft. Nein; er ergeht sich in empathischen Freudensprüngen für seinen Nachfolger und ist dem Chef, der ihn gefeuert hat, unendlich dankbar für die „längst fällige Chance auf eine Neuorientierung“.
Die Autorin entwirft in ihrem neuen Stück ein Universum der Hyperkorrekten, das sämtliche Defizite, die der Homo sapiens seit jeher mit sich herumschleppt – Konkurrenz, Neid, Aggression, (Selbst-)Zerstörungslust – glorreich überwunden hat.
Und natürlich ist diese Horrorvision einer rundum negativitätsbereinigten Glücksdiktatur in Erich Sidlers Urinszenierung mit dem Ensemble des Deutschen Theaters Göttingen nicht nur hochnotkomisch und pointiert, sondern trifft auch gesellschaftsdiagnostisch ins Schwarze. Klug stößt sich Kricheldorf von Aldous Huxleys 1932 erschienenem Dystopie-Klassiker „Schöne neue Welt“ ab. Während die Spezies dort in pränatalen „Brut- und Normzentralen“ für ihren gesellschaftlichen Auftrag vorsozialisiert werden musste, regelt der zeitgenössische „Homo Empathicus“ seine Anpassungsleistung eigeninitiativ über eine Art Mentalwellness-Selbstzensur: Was nicht sein darf, wird einfach nicht benannt. Beziehungsweise, in besonders hartnäckigen Fällen, mit Hilfe des Mentalcoachs Dr. Osho restlos „weggesprochen“. Kein Wunder, dass auch hier ein „Wilder“ als Relikt aus der unschönen alten Welt hereinschneit, um die neue politisch unkorrekt aus den Angeln zu heben.
Christine Wahl

Uraufführung: 
3.10.2014

Mit: Vanessa Czapla, Gaby Dey, Angelika Fornell, Elisabeth Hoppe, Rebecca Klingenberg, Felicitas Madl, Andrea Strube, Katharina Uhland, Rahel Weiss, Emre Aksizoğlu, Gabriel von Berlepsch, Bardo Boehlefeld, Florian Eppinger, Lutz Gebhardt, Andreas Jessing, Benedikt Kauff, Benjamin Kempf, Benjamin Krüger, Nikolaus Kühn, Karl Miller, Frederik Schmid, Moritz Schulze, Marie Seiser, Ronny Thalmeyer, Paul Wenning, Gerd Zinck

Regie: Erich Sidler
Bühne und Kostüme: Gregor Müller
Musik: Philip Zoubek
Choreographie: Valentí Rocamora i Torà
Video: Philipp Ludwig Stangl
Dramaturgie: Philip Hagmann, Matthias Heid

Stückabdruck: 
Theater heute, 1/2015