Homo Empathicus

von Rebekka Kricheldorf
Deutsches Theater Göttingen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schöne neue Angestellten-Welt: Wenn in Rebekka Kricheldorfs „Homo Empathicus“ jemand seinen Job verliert, zerschlägt er nicht etwa das Firmenporzellan und hegt heimliche Mordgelüste gegen die verbliebene Belegschaft. Nein; er ergeht sich in empathischen Freudensprüngen für seinen Nachfolger und ist dem Chef, der ihn gefeuert hat, unendlich dankbar für die „längst fällige Chance auf eine Neuorientierung“.
Die Autorin entwirft in ihrem neuen Stück ein Universum der Hyperkorrekten, das sämtliche Defizite, die der Homo sapiens seit jeher mit sich herumschleppt – Konkurrenz, Neid, Aggression, (Selbst-)Zerstörungslust – glorreich überwunden hat.
Und natürlich ist diese Horrorvision einer rundum negativitätsbereinigten Glücksdiktatur in Erich Sidlers Urinszenierung mit dem Ensemble des Deutschen Theaters Göttingen nicht nur hochnotkomisch und pointiert, sondern trifft auch gesellschaftsdiagnostisch ins Schwarze. Klug stößt sich Kricheldorf von Aldous Huxleys 1932 erschienenem Dystopie-Klassiker „Schöne neue Welt“ ab. Während die Spezies dort in pränatalen „Brut- und Normzentralen“ für ihren gesellschaftlichen Auftrag vorsozialisiert werden musste, regelt der zeitgenössische „Homo Empathicus“ seine Anpassungsleistung eigeninitiativ über eine Art Mentalwellness-Selbstzensur: Was nicht sein darf, wird einfach nicht benannt. Beziehungsweise, in besonders hartnäckigen Fällen, mit Hilfe des Mentalcoachs Dr. Osho restlos „weggesprochen“. Kein Wunder, dass auch hier ein „Wilder“ als Relikt aus der unschönen alten Welt hereinschneit, um die neue politisch unkorrekt aus den Angeln zu heben.
Christine Wahl

 

Uraufführung am 03.10.2014, Deutsches Theater Göttingen

 

Mit: Vanessa Czapla, Gaby Dey, Angelika Fornell, Elisabeth Hoppe, Rebecca Klingenberg, Felicitas Madl, Andrea Strube, Katharina Uhland, Rahel Weiss, Emre Aksizoğlu, Gabriel von Berlepsch, Bardo Boehlefeld, Florian Eppinger, Lutz Gebhardt, Andreas Jessing, Benedikt Kauff, Benjamin Kempf, Benjamin Krüger, Nikolaus Kühn, Karl Miller, Frederik Schmid, Moritz Schulze, Marie Seiser, Ronny Thalmeyer, Paul Wenning, Gerd Zinck

Regie: Erich Sidler
Bühne und Kostüme: Gregor Müller
Musik: Philip Zoubek
Choreographie: Valentí Rocamora i Torà
Video: Philipp Ludwig Stangl
Dramaturgie: Philip Hagmann, Matthias Heid

 

Aufführungsdauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
Aufführungsrechte: Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs GmbH, Berlin

Stückabdruck in Theater heute, Heft 1/2015
Rebekka Kricheldorf im Theater heute-Interview über ihr Stück. Und hier nochmal "Ohne Worte".

 

www.dt-goettingen.de

 

 

 

 

 

 

 



 

Rebekka Kricheldorf

Geboren 1974 in Freiburg im Breisgau.
Rebekka Kricheldorf studierte zunächst Romanistik an der Humboldt-Universität Berlin. Von 1998 bis 2002 belegte sie den Studiengang Szenisches Schreiben an der UdK Berlin. Sie schrieb Auftragswerke für das Staatstheater Stuttgart, das Theater am Neumarkt in Zürich, das Staatstheater Kassel und das Deutsche Theater Berlin. 2004 war sie Hausautorin am Nationaltheater Mannheim, von 2009 bis 2011 war sie Dramaturgin, Hausautorin und Mitglied der Künstlerischen Leitung am Theaterhaus Jena. Rebekka Kricheldorf lebt als freie Autorin in Berlin.
 

Stücke
Prinzessin Nicoletta. Ein Märchen für Erwachsene
UA 8.3.2003, Stadttheater Gießen, Regie: Peter Hailer
Kriegerfleisch UA 24.1.2004, Städtische Bühnen Münster, Regie: Thomas Bockelmann
Die Ballade vom Nadelbaumkiller UA 18.5.2004, Staatstheater Stuttgart, Regie: Erich Sidler – „Stücke '05“
Floreana UA 20.5.2004, Theater am Neumarkt, Zürich, Regie: Crescentia Dünsser
Schneckenportrait UA 16.9.2005, Städtische Bühnen Osnabrück, Regie: Nina Gühlstorff
Rosa und Blanca UA 13.1.2006, Staatstheater Kassel, Regie: Thomas Bockelmann
Landors Phantomtod UA 23.2.2006, Nationaltheater Mannheim, Regie: Stephanie Mohr
Liebesdienst (Vier von Vierzigtausend) UA 15.6.2006, Theater Halle 7 München, Regie: Oliver Zimmer
Hotel Disparu UA 13.9.2006, Theater am Neumarkt, Zürich, Regie: Ingo Kerkhof / Erich Sidler
Neues Glück mit totem Model UA 20.12.2007, Staatsschauspiel Dresden, Regie: Markus Heinzelmann
Der Kopf des Biografen UA 23.1.2009, Städtische Bühnen Osnabrück, Regie: Nina Gühlstorff
Das Ding aus dem Meer UA 13.3.2009, Staatstheater Kassel, Regie: Thomas Bockelmann
Mechanische Tiere UA 16.5.2009, Stadttheater Bern (Autorenspektakel), Regie: Phil Hayes
Villa Dolorosa. Drei missratene Geburtstage UA 15.10.2009, Theaterhaus Jena, Regie: Markus Heinzelmann
Robert Redfords Hände selig UA 3.10.2010, Staatstheater Kassel, Regie: SchirinKhodadadian
Gotham City I – das Stück. Eine Stadt sucht ihren Helden UA 14.10.2010, Theaterhaus Jena, Regie: Markus Heinzelmann
Murders Ballade nach Nick Cave UA 12.2.2011, Stadttheater Bern, Regie: Erich Sidler
Der große Gatsby UA 13.1.2012, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Regie: Markus Heinzelmann
Testosteron UA 23.11.2012, Staatstheater Kassel, Regie: Schirin Khodadadian
Lysistrata UA 8.2.2013, Theater Osnabrück, Regie: Marie Bues
Das kalte Herz UA 18.5.2013, Saarländisches Staatstheater Saarbrücken, Regie: Erich Sidler
Sergeant Superpower rettet Amerika UA 12.10.2013, Theater Heidelberg, Regie: Erich Sidler
Alltag & Ekstase UA 18.1.2014, Deutsches Theater Berlin, Regie: Daniela Löffner – „Stücke 2014“
Homo Empathicus UA 3.10.2014, Deutsches Theater Göttingen, Regie: Erich Sidler – „Stücke
2015“
Die Kunst der Selbstabschaffung UA 15.2.2015, Staatstheater Kassel, Regie: Schirin Khodadadian
In der Fremde UA 20.11.2015, Deutsches Theater Göttingen, Regie: Erich Sidler
Das blaue Licht / Dienen UA 10.2.2017, Staatstheater Kassel, Regie: Schirin Khodadadian
Don Quijote nach Miguel de Cervantes UA 13.5.2017, Theater Osnabrück, Regie: Annette Pullen
Fräulein Agnes UA 22.9.2017, Deutsches Theater Göttingen, Regie: Erich Sidler – „Stücke 2018“

E-Books (Alle E-Books sind bei Kiepenheuer Medien, Berlin, erschienen)
2013 Alltag & Ekstase
2013 Der große Gatsby
2014 Die Kunst der Selbstabschaffung
2014 Villa Dolorosa. Drei missratene Geburtstage
2015 In der Fremde
2017 Das blaue Licht / Dienen
2017 Fräulein Agnes

Auszeichnungen und Preise
2002 Verlegerpreis und Preis des Publikums beim Heidelberger Stückemarkt für Prinzessin Nicoletta: Ein Märchen für Erwachsene
2003 Kleist-Förderpreis für Kriegerfleisch
2004 Schiller-Förderpreis des Landes Baden-Württemberg
2010 Kasseler Förderpreis für Komische Literatur