Für alle reicht es nicht

Foto: David Baltzer
1 1/2 Stunden, keine Pause



In den neuen Ländern ist Krise der Normalzustand. Dirk Laucke, der den wendetraumatisierten Osten kennt wie sein 27-jähriges Leben, hält sich an die Tatsachen, vor allem wenn sie darin bestehen, dass andere daran vorbeireden. Bei den Leuten, über die er schreibt, bleibt immer etwas Luft zwischen dem Sprechen und der Welt: gerade weit genug, dass alle Pläne immer wieder zuverlässig darin wegrutschen.
„Für alle reicht es nicht“ versammelt Vereinigungsverlierer, bei denen sich Lebenskunst, Lebenslüge und Kleinkriminalität zwanglos überschneiden. Jo und Anna schmuggeln polnische Zigaretten über die Grenze, der alte NVA-Veteran Heiner will irgendwo in der brandenburgi-schen Pampa eine private Panzerspaßbahn aufziehen, hinzu kommen seine Tochter und Enkelin aus dem Westen und der zufällig abgestellte Lastwagen einer Schlepperbande mit
30 halbverdursteten Vietnamesen: viel Stoff für wenig Perspektive.   
Zwischen aufquellenden Erinnerungen und halbgaren Zukunftsprojekten entgleitet die Gegenwart. Vielleicht sind die Vietnamesen erstickt, während Heiner nicht aus dem Kopf bekommt, wie damals seine Frau Richtung Westen verschwunden ist oder Anna wieder einmal obsessive Verlassensängste plagen. Wahrscheinlich meint es Jo ernst, wenn er sich den Kopf zerbricht, wie man den 30 Gestrandeten Jobs verschaffen könnte. Jedenfalls schlägt er einen von ihnen sofort halbtot, wenn er zu fliehen versucht. Was am Ende daraus wird, ist nicht so wichtig. Der Weg ist das Verlaufen.
Franz Wille

Uraufführung: 
31. Oktober 2009 im Rahmen des Festivals „After the Fall“

Mit: Thomas Eisen, Cathleen Baumann, Torsten Ranft, Melanie Lüninghöner, Friedrich Paravicini
Regie: Sandra Strunz      
Bühne: Katrin Hoffmann
Kostüme: Daniela Selig
Musik: Friedrich Paravicini
Licht: Michael Gööck
Dramaturgie: Robert Koall