Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind

ca. 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause



Du hast gewackelt liegt seit 2004 in Buchform vor, ist also kein neues Stück. Dass es bei den Mülheimer Theatertagen 2013 gezeigt wird, hat dennoch seine Richtigkeit: Das Stück wurde erst im Vorjahr am Münchner Residenztheater uraufgeführt. Franz Xaver Kroetz, der seine Dramatikerkarriere inzwischen offiziell beendet hat, ist damit erstmals seit 1995 (Der Drang) wieder in Mülheim vertreten.
Geschrieben hat er Du hast gewackelt, nachdem der „Fall Pascal“ ruchbar geworden war: In der „Tosa-Klause“, einer Kneipe in Saarbrücken, soll ein Junge namens Pascal von Stammgästen regelmäßig sexuell missbraucht und schließlich ermordet worden sein. In seinem Requiem für ein liebes Kind nimmt Kroetz mit unbarmherziger Radikalität die Täterperspektive ein; fünf Männer reden ihre Verbrechen schön. Jeder Satz ist entweder eine infame Verharmlosung oder eine schamlose Lüge. Das Schlimmste daran ist: Die Täter meinen das ernst. „Mir liegt das Böse nicht“, sagen sie. Oder: „Ich habe noch nie mit einem Kind etwas gemacht, was das Kind nicht gewollt hat.“ Mitgefühl empfinden diese Männer nur für sich selbst. Das mantraartige Requiem, das sie anstimmen, ist eine einzige große Apologie.
Du hast gewackelt ist ein Gegenstück zu Katja Brunners Von den Beinen zu kurz, das aus der Sicht eines Missbrauchsopfers geschrieben ist. Pascals Leiche wurde bis heute nicht gefunden; die mutmaßlichen Täter aus der Tosa-Klause wurden 2007 im Zweifel freigesprochen. Das Gericht hat die Akte geschlossen. Das Theater schlägt sie wieder auf.
Wolfgang Kralicek

Uraufführung: 
am 17.03.2012

Dieter: Shenja Lacher
Roland: Franz Pätzold
Otto: Gerhard Peilstein
Elfi: Marie Seiser
Bernd: Lukas Turtur
Wally: Ulrike Willenbacher
Kurt: Manfred Zapatka
Regie: Anne Lenk
Bühne: Judith Oswald
Licht: Markus Schadel
Kostüme: Silja Landsberg
Video: Meike Ebert, Stefan Muhle
Dramaturgie: Angela Obst

Alle Videos von Max Büch und Alexander Viktorin

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