Du (Normen)

von Philipp Löhle

Stücke 2014

Nationaltheater Mannheim

Philipp Löhle, schon seit Genannt Gospodin ein zuverlässiger Kandidat für dramatische Kapitalismuskritik, hat in seinem neuen Stück erstmals die Seiten gewechselt. Waren seine Helden sonst spleenige Verweigerer und Don Quichottes, die ihr schräges Ding gegen alle Windmühlen des gesunden Menschenverstands verteidigen, hat er jetzt das Funktionieren zum Prinzip gemacht. Der nette Normen ist ein guter Kumpel, zuvorkommend gleichgültiger Ehemann und auch sonst eher von herzlicher, latent fauler Durchschnittlichkeit. Allerdings ist er mit dem untrüglichen Instinkt ausgestattet, Bretter an ihrer dünnsten Stelle erfolgreich zu durchbohren. In der Sprache der Wirtschaftstheorie handelt es sich bei Normen, der sich Publikum und Mitmenschen meist mit einem unkomplizierten „Du“ nähert, um den Prototyp eines sogenannten Nutzenmaximierers. An dieser Spezies lässt sich einwandfrei nachvollziehen, wie der Mensch handelt, wenn er im eigenen Interesse vernünftig handelt.
Sven Prietz als „Du“ kann mit jedem und will nichts weiter, als mit kleinstem Aufwand das ökonomisch Beste herauszuholen. Man mag ihn dabei für leicht beschränkt halten oder für ziemlich fokussiert; vor dem Maßstab des Kontostands verschwimmen die beiden Perspektiven in vielen milchigen Nullen. Sechs Schauspieler versorgen nicht nur 20 Personen am Lebenswegrand, sondern verteilen sich auch auf den allgegenwärtigen Autorkommentar, der das Publikum herzlich umarmt: ein beängstigend netter Figurenpark aus dem Wohlstandsspeckgürtel der flächendeckenden Provinz.

Franz Wille

 

Uraufführung am 01.06.2013, Nationaltheater Mannheim

 

Mit:
Sabine Fürst, Anke Schubert, Dascha Trautwein, Thorsten Danner, Reinhard Mahlberg, Sven Prietz, Klaus Rodewald

 

Regie: Katrin Lindner
Bühne: Tobias Schunck
Kostüme: Birgitta Weiss
Dramaturgie: Tilman Neuffer

 

Aufführungsdauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
Aufführungsrechte: Rowohlt Theaterverlag, Reinbek bei Hamburg

Stückabdruck in Theater heute, Heft 8-9/2013

 

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Foto: Hans Jörg Michel
Foto: Hans Jörg Michel
 

 

 

Philipp Löhle über "Du (Normen)"
"Warum schlafen böse Menschen gut?"
 

Alle Videos von Max Büch und Alexander Viktorin


 

 

Philipp Löhle

Foto von Fernando Perez Re
Geboren 1978 in Ravensburg.
Studium der Geschichte, Theater- und Medienwissenschaft und deutschen Literatur in Erlangen und Rom. Erste Theaterstücke entstanden bereits während des Studiums. Außerdem journalistische und filmische Arbeiten (Kurzfilme, Dokumentarfilme, Praktika). Im Jahr 2008 ging Philipp Löhle mit einem Stipendium an das renommierte Londoner Royal Court Theatre, um an der International Playwrights Residency teilzunehmen.
Philipp Löhle war Hausautor am Maxim Gorki Theater in Berlin, am Nationaltheater Mannheim und am Staatstheater Mainz, wo er auch inszenierte. In der Spielzeit 2013/2014 ist er Hausautor am Konzert Theater Bern.

 

Stücke

Kauf-Land UA 14.04.2005, Theater Erlangen, Regie: Katrin Lindner
Genannt Gospodin UA 28.10.2007, Schauspielhaus Bochum, Regie: Kristo Šagor – „Stücke 2008“
Big Mitmache UA 30.01.2008, Schaubühne am Lehniner Platz (Uraufführungswerkstatt „60 Jahre Deutschland“), Regie: Jan-Christoph Gockel
Die Kaperer UA 20.03.2008, Schauspielhaus Wien, Regie: Jette Steckel
Lilly Link oder Schwere Zeiten für die Rev... UA 07.11.2008, Theater Heidelberg, Regie: Oratio Zambeletti
Morgen ist auch noch ein Tag UA 23.01.2009, Theater Baden-Baden, Regie: Katharina Kreuzhage
Die Rattenfalle UA 28.02.2009, Theater Aalen, Regie: Ingmar Otto
Die Unsicherheit der Sachlage UA 28.05.2009, Schauspielhaus Bochum, Regie: Anne Lenk
Die Überflüssigen UA 28.05.2010, Maxim Gorki Theater, Berlin, Regie: Dominic Friedel
supernova (wie gold entsteht) UA 15.01.2011, Nationaltheater Mannheim, Regie: Cilli Drexel
Das Ding UA 14.05.2011, Deutsches Schauspielhaus in Hamburg in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen, Regie: Jan Philipp Gloger – Publikumspreis der "Stücke 2012“
Der Wind macht das Fähnchen UA 20.01.2012, Theater Bonn, Regie: Dominic Friedel
Nullen und Einsen UA 19.01.2013, Staatstheater Mainz, Regie: Jan Philipp Gloger
Du (Normen) UA 01.06.2013, Nationaltheater Mannheim, Regie: Katrin Lindner – „Stücke 2014“
Fluchtfahrer UA 18.12.2013, Staatstheater Stuttgart, Regie: Dominic Friedel
Wir sind keine Barbaren! UA 08.02.2014, Konzert Theater Bern, Regie: Volker Hesse

 

Preise

2007 Dramatikerworkshop des Berliner Theatertreffens, Gewinner des Werkauftrags des Stückemarkts (gestiftet von der Bundeszentrale für politische Bildung)
2007 Förderpreis des Bundesverbandes der Deutschen Industrie für GENANNT GOSPODIN
2008 Jurypreis des Heidelberger Stückemarkts für LILLY LINK ODER SCHWERE ZEITEN FÜR DIE REV....
2012 Publikumspreis der Stücke 2012 für DAS DING

 

Genannt Gospodin

Szene aus Genannt Gospodin von Philipp Löhle
von Philipp Löhle

Stücke 2008

Schauspielhaus Bochum

Eigentlich wollte Gospodin seinen bescheidenen Lebensunterhalt mit einem Streichellama in Fußgängerzonen bestreiten, doch dann wird ihm ausgerechnet von Greenpeace sein Betteltier weggenommen. Damit beginnt ein Kreuzzug gegen den Kapitalismus, der an den rostigen Ritter Don Quichotte erinnert. Am Ende steht der lebende Beweis, dass es glückliche Arbeitslose gibt. Allerdings stellt sich dabei auch heraus, dass so viel Glück durchaus seinen Preis hat, der nicht zuletzt aus Umwegen besteht, die schnell in ihr Gegenteil münden können.
Die kleine Reise gegen die Windmühlen unserer Wirtschaftsordnung wird eine schwere Herausforderung. Erst muss sich der wackere Gospodin aller Gefühle gegen Sachen entledigen – Selbstimmunisierung gegen Konsumfreuden –, dann werden ihm ungefragt Jobs angeboten, schließlich hinterlässt ihm ein Kneipenfreund eine Tasche voll Geld, das er beim besten Willen nicht wieder loswird. „Genannt Gospodin“ endet nach vielen Volten glücklich und zufrieden am Ziel seiner Träume – im Gefängnis. Dort ist die Freiheit grenzenlos: kein Geld, keine Entscheidungen, einfach Sein.
Die entscheidende Frage von Philipp Löhles Stück muss das Theater beantworten: Ist Gospodin ein besonders naiver Einzelhandelsverächter, der nur beweist, dass man mit konsequenter Kapitalismuskritik scheitern muss – oder die subversive Alternative, die das System mit dessen eigenen Mitteln schlägt und dabei auch noch froh wird?
Franz Wille

Uraufführung am 28. Oktober 2007 im Schauspielhaus Bochum, Theater unter Tage

Regie: Kristo Šagor
Bühne und Kostüme: Sebastian Kloos

Mit
Jele Brückner
Agnes Riegl
Karsten Dahlem
Michael Lippold

Aufführungsrechte: Verlag Autorenagentur
 

Szene aus Genannt Gospodin von Philipp Löhle
Szene aus Genannt Gospodin von Philipp Löhle

 

 

 

 

 

 

 

Fotos: Birgit Hupfeld

 

Löhle, Philipp
Du (Normen)

Das Ding

Szene aus Das Ding von Philipp Löhle
von Philipp Löhle

Stücke 2012

Deutsches Schauspielhaus in Hamburg

Wie kann man von der Bühne über so etwas Abstraktes wie Globalisierung erzählen? Philipp Löhle hat die Lösung gefunden, indem er sich der Perspektive eines klitzekleinen «Dings» anvertraut: einer Baumwollflocke, in Afrika vom Entwicklungshelfer Beat Stücke 2012: Janning Kahnert und Martin Wißner in DAS DING von Philipp Löhle, Inszenierung des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg / Ruhrfestspiele Recklinghausengepflückt, in China vom Jung- unternehmer Li gepult und zum T-Shirt verarbeitet, nach Deutschland verschifft und am Körper von Katrin gelandet, die sich in ihrer Ehe ziemlich langweilt und kleine Pornoshows mit sich als Darstellerin ins Netz stellt. Was auf seinem Laptop im fernen China der Li sieht, der sich unsterblich verliebt und nach Deutschland fliegt. Bewaffnet mit einem Gewehr, dass er Beat abgekauft hat, steht er wieder vor der Baumwollflocke im T-Shirt... Und das ist nur ein Bruchteil der Erlebnisse des kleinen Dings in der großen Welt. Es gibt auch noch eine ganze Menge Stücke 2012: Maria Magdalena Wardzinska und Tim Grobe in DAS DING von Philipp Löhle, Inszenierung des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg / Ruhrfestspiele RecklinghausenEifersucht und Exhibitionismus, eine Kunstmarktsatire, rumänische Fleischproduzenten, ein echtes Trauma und eine ganze Reihe höchst realer und jederzeit nachvollziehbarer Menschen in diesem 95-Minuten-Stück, das mühelos vom Kleinsten zum Größten springt, vom Badezimmer aufs Baumwollfeld, vom Internet ins wahre Leben, von Afrika nach Asien und Europa. Dass das trotz kühnster Zeit- und Ortssprünge keine Sekunde verwirrend, sondern nur erheiternd und erhellend ist, ist auch Jan Philipp Glogers Regie zu verdanken und seinen fünf enthusiastischen Spielern, denen er nur fünf Stühle zur Verfügung stellt. Was vollkommen reicht, um aus dieser verzwickten, verquickten Welt ganz von heute eine utopisch verspielte Theater-Welt zu machen, in der alle, ob sie Li, Kathrin oder Baumwollflocke heißen, die eine Sprache sprechen: den herzhaften, lakonischen Löhle-Ton. In dem auch eine bitterböse Geschichte wie ein hoffnungsvolles Märchen enden kann. Weil es einfach immer weiter geht.

Barbara Burckhardt



Premiere am 14. Mai 2011 in Recklinghausen


Regie: Jan Philipp Gloger
Bühne: Judith Oswald
Kostüme: Karin Jud
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Licht: Andreas Juchheim


Mit
Tim Grobe, Stefan Haschke, Janning Kahnert, Maria Magdalena Wardzinska, Martin Wißner
Und Alva Diederich / Paula Dietrich


Aufführungsdauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause
Aufführungsrechte: Rowohlt Theater Verlag, Reinbek

Szene aus Das Ding von Philipp Löhle
Szene aus Das Ding von Philipp Löhle

 

 

 

 

Fotos: Kerstin Schomburg

 

 

Löhle, Philipp