draußen tobt die dunkelziffer

Foto von David Baltzer / ZENIT



Theater des sozialen Sachverhalts
Das Theater ist angekommen in dieser Zeit, unvermittelt neuerdings. Es beschäftigt sich nicht nur mit dem emotionalen Reflex auf soziale Verhältnisse; es reportiert und kolportiert diese selbst. Die Arbeiten Kathrin Rögglas sind dafür das beste Beispiel. Ihr jüngstes, wieder doku-mentarisches Elaborat widmet sich geradezu empirisch dem Kaufrausch, ja, der Konsum-neurotik unter der Herrschaft der ökonomie heutzutage. "draußen tobt die dunkelziffer" ist das Ergebnis ihrer Recherche zu den Folgen bei Schuldenmachern und Schuldenberatern.
Pleite sind, beweist die Statistik, nicht nur die öffentlichen Hände und unzählige Betrie-be. Verführt vom Warenangebot und von der Praxis des Erwerbs auf Pump, haben sich Millionen Haushalte in den Bankrott getrieben. Schicksale, die unserer Aufmerksamkeit über alle Moral, Theatralik oder Betroffenheit hinweg als Sachverhalt anheimgestellt werden. So kühl die Beschreibung, so distanziert die Beobachtung. Zeitgemäß ist das Stück inhaltlich wie in der Form.
Drei Bühnen haben sich schon bemüht, diesem Text, in dem die Personen Tatsachen und keine Charaktere sind, Leben und Anschaulichkeit mitzugeben. Nach der Uraufführung im Wiener Volkstheater, die ihn an eine vom Regisseur moderierte Show verschenkte, ordneten ihn die Münchner Kammerspiele hintersinnig ihrem Jahressammelthema "Du sollst nicht sparen" zu. Auch szenisch interessant gemacht wurde das Material zu einem aktuellen Phänomen erst in der Inszenierung Stephan Müllers am Gorki Theater Berlin: transparent und spielerisch plausibel mit unterschiedlichsten Einzel- und Gruppenfigurationen. Bis uns der Schluß mytho-logieverdächtig weg von den Fakten führt.
Dietmar N. Schmidt

Uraufführung: 
8. Juni 2005, Volkstheater Wien / Wiener Festwochen
Premiere: 
24. Februar 2006 im Maxim Gorki Theater Berlin

Mit: Anya Fischer, Monika Lennartz, Ruth Reinecke, Ursula Werner, Thomas Bischofberger, Silvio Hildebrandt, Wolfgang Hosfeld, Rainer Kühn, Thomas Müller
Regie: Stephan Müller
Bühne: Hyun Chu
Kostüme: Marion Münch