Disko

Disko von Wolfram Höll / Foto: Rolf Arnold
1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

 

 

Die Festung Europa als Club mit einem machtgeilen alten weißen Türsteher? So einfach die Analogie auf den ersten Blick klingt, so ungeheuer scharf und schlüssig ist, was Wolfram Höll in „Disko“ daraus entwickelt. Ungewöhnlich ist schon die Form des Stücks: Der auf Minimalphrasen verdichtete, geloopte Text der anwesenden Prototypen – vom Türsteher über die Helferin bis zum Flüchtling – ist in neun Spalten angeordnet, verbalisierte House-Sounds wie „Bums“, „Tschick“ und „Bam“ inklusive. Der Abend verläuft klassisch, wer „in“ ist, ist drin, der Rest bleibt vor der Tür. Das gilt auch für einen ankommenden Flüchtlingstreck. Bis die Partycrowd in einem Anfall von Menschlichkeit den Türsteher überrumpelt und mit den Geflüchteten zusammen feiert. Von Helferinnenstolz über Fremdenhass bis zum Paternalismus sind nun alle Varianten des wirren deutschen Migrationsdiskurses am Start. Wie auf jeder Party tanzen zudem Vereinzelung, Existenzangst und Leistungsdruck mit. Nur, diese Clubnacht wird mörderisch enden – und ein Schuldiger ist schnell gefunden, zu schnell. Höll liefert Kondensate gesellschaftlicher Verhältnisse, heruntergebrochen auf Popsong-Lyrics. „Disko“ ist eine starke, bizarre Parabel auf das beschämende Ende der deutschen Willkommenskultur. Dabei war die Party, war die Lage nie aussichtslos. Nur, wenn das Denken in Loops stattfindet, ist das schwer zu erkennen.

Cornelia Fiedler

Ein Auftragswerk für das Schauspiel Leipzig

 

Uraufführung: 
am 9. Februar 2019, Schauspiel Leipzig

Mit: Julia Berke, Thomas Braungardt, Anne Cathrin Buhtz, Andreas Herrmann, Roman Kanonik, Daniela Keckeis, Anna Keil
Regie: Ivan Panteleev
Bühne und Kostüme: Yanjun Hu
Musik: Jan Beyer
Dramaturgie: Georg Mellert
Licht: Thomas Kalz

 

Stückabdruck: 
Stückabdruck in Theater heute 2/2019