die unverheiratete

von Ewald Palmetshofer
Burgtheater im Akademietheater, Wien

Was für eine nette Familiengeschichte: Großmutter hat in jungen Jahren noch eine Woche vor Kriegsende in der österreichischen Provinz dafür gesorgt, dass ein junger Wehrmachtssoldat, der laut ans Desertieren dachte, hingerichtet wurde. Ein Verbrechen, das auch die Biographien ihrer Tochter und Enkeltochter beschädigt. So könnte man die Geschichte, der ein authentischer Fall aus Österreich zugrunde liegt, erzählen. Doch Ewald Palmetshofer hat etwas anderes vor.
Palmetshofer achtet auf Perspektiven, und davon gibt es viele. Nicht nur, was die Großmutter denkt oder zu verschiedenen Zeiten gedacht hat als junge Frau, im Gefängnis und die vielen Jahre danach. Oder was deren Tochter dazu immer gewusst, aber kaum gesagt hat. Oder die Enkelin, die wenig weiß, aber viel redet. Auch was die Zeugen, Richter, Beteiligten bei den Prozessen sagten, als erst der junge Soldat und dann seine Denunziantin verurteilt wurden.
Der weite Stimmenraum verteilt sich auf sieben Schauspielerinnen: Die Junge, die Mittlere und die Alte, also: Großmutter, Mutter und Enkelin, die aber auch mal Rollen tauschen können. Dazu ein Chor aus „4 Schwestern“ oder „die Hundsmäuligen“, potentiell eher missgünstige, figurenflexible Erzählerinnen. Sie werden von ihrem Autor so geführt, dass sich gerade keine lineare Erzählung ergibt, sondern ein komplexes geschnittenes Ineinander von Zeiten und Positionen.
Wer A sagt, muss auch B sagen, heißt es mehrmals: Kausalitäten gibt es viele in diesem gruselig-harmlosen Zeitpanorama zwischen Jugend und Alter, Gerichtssaal und Krankenhaus, Gefängnis und bescheidener Gemütlichkeit. Nur wirken diese A-B-Kräfte meist mindestens über Eck, zeugen unvermutete Wirkungen an unvermuteten Enden. Die Wahrheit bleibt immer eine Konstruktion. Aber es gibt sie.
Franz Wille

 

Uraufführung am 14.12.2014, Burgtheater im Akademietheater, Wien
 

Mit: Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Petra Morzé, Elisabeth Orth, Christiane von Poelnitz, Sylvie Rohrer, Stefanie Reinsperger

Regie und Bühne: Robert Borgmann
Licht: Peter Bandl
Kostüme: Janina Brinkmann
Dramaturgie: Klaus Missbach
Musik: webermichelson

 

Aufführungsdauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause
Aufführungsrechte: S. Fischer Theater & Medien Verlag, Frankfurt am Main

Stückabdruck in Theater heute, Heft 2/2015
Ewald Palmetshofer über "die unverheiratete" - ein Interview mit Barbara Behrendt.
 

www.burgtheater.at










 


 

Ewald Palmetshofer

Geboren 1978 im Mühlviertel, Oberösterreich.
Ewald Palmetshofer studierte Theologie und Philosophie/Psychologie/Pädagogik in Wien. Er war Hausautor und Gastdramaturg am Schauspielhaus Wien sowie am Nationaltheater Mannheim. Am Schauspielhaus Wien kuratierte er die Serie Die X Gebote. Im Sommer 2008 nahm er am Young Writer´s Programme des Royal Court Theatre London teil. 2012 war er Jurymitglied beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens. Von 2012 bis 2015 unterrichtete Palmetshofer am Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst Wien. Für sein Stück die unverheiratete wurde er 2015 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet. Seit der Spielzeit 2015/16 ist Ewald Palmetshofer Dramaturg am Theater Basel.


 

Stücke (Auswahl)
hamlet ist tot. keine schwerkraft UA 22.11.2007, Schauspielhaus Wien, Regie: Felicitas Brucker – „Stücke ´08“
wohnen. unter glas UA 09.02.2008, Schauspielhaus Wien, Regie: Sebastian Schug
Das Ende kommt schon noch Kurzdrama für „Deutschlandsaga“, UA 17.03.2008, Schaubühne Berlin, Regie: Robert Borgmann
helden UA 20.03.2009, Theater an der Ruhr, Regie: Thomaspeter Goergen
faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete UA 02.04.09, Schauspielhaus Wien, Regie: Felicitas Brucker – „Stücke 2010“
sauschneidn. ein mütterspiel UA 29.04.2009, Theater an Lend, Graz (eine Produktion der UniT Graz), Regie: Dieter Boyer
Körpergewicht. 17% UA 27.05.2009, Nationaltheater Mannheim, Regie: Torge Kübler
herzwurst. immer alles eine tochter UA 31.12.2009, Schauspielhaus Wien, Regie: Sebastian Schug
tier. man wird doch bitte unterschicht UA 11.09.2010, Staatsschauspiel Dresden, Regie: Simone Blattner
räuber.schuldengenital UA 22.12.2012, Burgtheater im Akademietheater, Wien, Regie: Stephan Kimmig
die unverheiratete UA 14.12.2014, Burgtheater im Akademietheater, Wien, Regie: Robert Borgmann – Mülheimer Dramatikerpreis 2015
Edward II. Die Liebe bin ich nach Christopher Marlowe UA 26.5.2015, Schauspielhaus Wien / Theater Basel / Wiener Festwochen, Regie: Nora Schlocker
Vor Sonnenaufgang nach Gerhart Hauptmann UA 24.11.2017, Theater Basel, Regie: Nora Schlocker – „Stücke 2018“
Weitere Inszenierung: Burgtheater im Akademietheater, Wien, 20.12.2017, Regie: Dušan David Pařízek

Buchpublikationen
faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2014

Hörspiele
räuber.schuldengenital, 2014, WDR

Preise
2005 Retzhofer Literaturpreis für junges Drama für Sauschneidn
2008 Nachwuchsdramatiker des Jahres in der Kritikerumfrage von Theater heute
2008 Dramatikerpreis des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft
2008 Nominierung für den Nestroypreis in der Kategorie Bester Nachwuchs für wohnen. unter glas
2011 Förderpreis der Stadt Wien in der Sparte Literatur
2015 Mülheimer Dramatikerpreis für die unverheiratete


(Stand: Februar 2018)

www.ewaldpalmetshofer.at