Die lächerliche Finsternis

von Wolfram Lotz
Burgtheater im Akademietheater, Wien

Anno 1899 schrieb Joseph Conrad sein „Herz der Finsternis“, und Kapitän Marlow schipperte im Auftrag einer belgischen sogenannten „Handelsgesellschaft“ den Kongo hinauf auf der Suche nach einem Elfenbeinagenten, der dort ein finsteres Schreckensregime aufgebaut hatte. Dass diese Zivilisation jene Barbarei, die sie angeblich zivilisieren wollte, aufs Barbarischste übertraf, war die grausige Pointe von Conrads Klassiker, den Francis Ford Coppolas Film „Apocalypse Now“ ins Vietnam des Napalm-Kriegs fortschrieb.
Und heute? In Wolfram Lotz’ postkolonialistischer Nachschrift sieht Europa ziemlich alt aus. Die Stationen seiner Kongo-Tour – ein globalkoloniales Gewaltpastiche aus Afrika, Hindukusch und Bosnien – haben zwar an böswilliger Grausamkeit und Ausbeutungswillen eingebüßt, sind aber einer nicht weniger fatalen Banalität des Blöden verfallen. Bundeswehr-Hauptfeldwebel Oliver Pellner, der den abtrünnigen Oberstleutnant Karl Deutinger ausfindig machen soll, hat zwar den Bürger in Uniform gut verinnerlicht, neigt jedoch berufsbedingt nicht gerade zu selbständigem Denken und glänzt vor allem durch ungelenke zwischenmenschliche Steifheit. Was sein Begleiter, Unteroffizier Stefan Dorsch durch keinerlei Anbiederung aufhellen kann. An den beiden zieht flussaufwärts ein beeindruckendes Panorama aufgeklärter eurozentrischer Selbstgerechtigkeiten vorbei: unter anderen ein sauberkeitsfanatischer italienischer Blauhelm-Posten, der über den fehlenden Internet-Anschluss verzweifelt; ein kriegstraumatisierter bosnischer Händler, der Pellner sozial überfordert; ein sexistisch inspirierter amerikanischer Missionar – dazu wünscht sich Lotz „The lion sleeps tonight“. Auch Pop hält den Dschungel fest in seinem Griff.
Franz Wille

 

Uraufführung am 06.09.2014, Burgtheater im Akademietheater, Wien
 

Mit: Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger, Stefanie Reinsperger, Catrin Striebeck

Regie und Bühne: Dušan David Pařízek
Kostüme: Kamila Polívková
Licht: Felix Dreyer
Dramaturgie: Klaus Missbach
 

Aufführungsdauer: 1 Stunde 45 Minuten, eine Pause, wenn Sie möchten
Aufführungsrechte: S. Fischer Theater & Medien Verlag, Frankfurt am Main

Stückabdruck in Theater heute, Heft 10/2014
Wolfram Lotz im Theater heute-Interview über sein Stück
 

www.burgtheater.at
 

 








Alle Filme von Max Büch und Alexander Viktorin
 

 


Weitere Inszenierungen von "Die lächerliche Finsternis":

Thalia Theater Hamburg - Deutsche Erstaufführung: 8.11.2014
Deutsches Theater Berlin - Premiere: 14.12.2014
Schauspiel Essen - Premiere: 18.12.2014  (29.4.2015, 19.00 Uhr - Zum letzten Mal!)
Hessisches Staatstheater Wiesbaden - Premiere: 10.1.2015
Luzerner Theater - Schweizer Erstaufführung: 5.3.2015


 

Wolfram Lotz

Geboren 1981 in Hamburg.
Wuchs im Schwarzwald auf. Er studierte Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaft in Konstanz und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.
Wolfram Lotz schreibt Theaterstücke, Hörspiele, Lyrik und Prosa.
 

 

 

Stücke

Mama
Mode und Wirklichkeit

Einige Nachrichten an das All UA 24.02.2011, Nationaltheater Weimar, Regie: Annette Pullen
Der große Marsch UA 20.05.2011, Ruhrfestspiele Recklinghausen (Eine Koproduktion des Saarländischen Staatstheaters Saarbrücken), Regie: Christoph Diem
Die lächerliche Finsternis Hörspiel mit einer „Anmerkung zu der etwaigen Umsetzung des Skripts auf einer Theaterbühne UA 06.09.2014, Burgtheater im Akademietheater Wien, Regie: Dušan David Pařízek – „Stücke 2015“
 

Buchpublikationen

Fusseln. Liste, Parasitenpresse, Köln, 2011
Monologe, Spector Books, Leipzig, 2014
 

Hörspiele

In Ewigkeit Ameisen SWR, 2009
Die lächerliche Finsternis SWR, 2015
 

Preise

2005 Literaturpreis der österreichischen Stadt Steyr
2009 Stadtschreiber-Stipendium der Stadt Rottweil
2010 Werkauftrag und Publikumspreis des Stückemarkts des Berliner Theatertreffens für DER GROSSE MARSCH
2011 Kleistförderpreis für DER GROSSE MARSCH
2011 Literatur-Förderpreis der Stadt Konstanz
2011 Stipendium Künstlerdorf Schöppingen
2012 Dramatikerpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft BDI e.V.
2013 Kasseler Literaturpreis
 

(Stand Mai 2015)
 

Ein Interview mit Wolfram Lotz vom 31. März 2015 finden Sie hier.

Die lächerliche Finsternis