Die goldenen letzten Jahre

von Sibylle Berg

Stücke 2009

Ein Auftragswerk des Theater Bonn

Die vier in die Jahre gekommenen Schüler, die Sibylle Berg hier versammelt, sind nicht die vom Leben Begünstigten. Es sind die Dicken, Hässlichen, Behinderten und Ausgestossenen. Ihre Umwelt meint es nicht gut mit ihnen, nicht überraschend bei Sibylle Berg, die menschliche Erbärmlichkeiten seit Jahren mit einer gewissen Hingabe und Akribie verzeichnet. In Rückblenden – wir befinden uns auf einem späten Klassentreffen – werden die schaurigen Schulerlebnisse der Erbarmenswürdigen erzählt, bis hin zu jenen Eltern, die ihre eigene Tochter nicht mehr ins Haus lassen, weil sie sie nicht erkennen.
„Die goldenen letzten Jahre“ ist ein Musical, in schönen Liedern reflektieren die Zukurzgekommenen ihr Unglück und richten sich in ihm ein. Genauso ist das Stück aber auch eine Farce mit deutlichem Faible für das Groteske, eine Farce über die Boshaftigkeit und Lächerlichkeit der menschlichen Verhältnisse – human ist hier jedenfalls gar nichts.
Sibylle Berg gewährt ihren Figuren dann in einer schönen Wendung allerdings die Gnade des späten Lebensabschnitts (mit dazu gehörigem Partner): Da sie nichts zu verlieren haben, geht es den Vier immer besser, je älter sie werden. Mit diesem Glück des Alters  – und in den Liedern – erhebt sich dann eine weiche und wohltuende Utopie aus dem bis dahin unerträglichen Leben.
Peter Michalzik

Theater Bonn

Uraufführung am 18. Februar 2009, Theater Bonn, Werkstatt

Inszenierung: Schirin Khodadadian
Ausstattung: Carolin Mittler
Musik und musikalische Leitung: Michael Barfuß

Mit
Susanne Bredehöft
Anke Zillich
Günter Alt
Ulrich Hass
Stefan Preiss

Aufführungsrechte: Rowohlt Theater Verlag, Reinbek
Stückabdruck in Theater heute, 04/09

 

 

 

 

Fotos: Thilo Beu

 

 

 

Sibylle Berg

Geboren 1962 in Weimar
Sibylle Berg war Puppenspielerin, bevor sie 1984 in die Bundesrepublik Deutschland ausreiste. Sie studierte kurzzeitig an der Tessiner Artistenschule Accademia Teatro Dimitri. Nach ihrer Rückkehr arbeitete sie in verschiedenen Jobs und begann zu schreiben. 1996 siedelte Sibylle Berg in ihre Lieblingsstadt Zürich um.
Sie verfasst Theaterstücke, Romane sowie Reisereportagen und Essays für diverse Zeitschriften und Magazine. Seit 2011 erscheint auf Spiegel Online wöchentlich ihre Kolumne S.P.O.N.
2013 begann Sibylle Berg an der Zürcher Hochschule der Künste im Fachbereich Dramaturgie zu unterrichten. Ebenfalls 2013 führte sie erstmals Ko-Regie am Staatstheater Stuttgart, 2015 inszenierte sie ihr Stück „How To Sell a Murder House“ am Theater Neumarkt, Zürich. Von 2016 bis 2017 wirkte Sibylle Berg in der ZDF-Talkshow Böhmermann & Schulz mit. Für ihr Stück „Und dann kam Mirna“ erhielt sie den Publikumspreis der „Stücke 2016“.

Stücke
Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot UA 14.7.1999, Theater Rampe, Stuttgart, Regie: Eva Hosemann – „Stücke 2000“
Helges Leben UA 22.10.2000, Schauspielhaus Bochum, Regie: Niklaus Helbling – „Stücke 2001“
Hund, Frau, Mann UA 29.9.2001, Theater Rampe, Stuttgart, R: Stephan Bruckmeier – „Stücke 2002“
Herr Mautz UA 9.3.2002, Theater Oberhausen, Regie: Klaus Weise
Schau da geht die Sonne unter UA 2.3.2003, Schauspielhaus Bochum, Regie: Niklaus Helbling
Das wird schon. Nie mehr Lieben! UA 2.10.2004, Schauspielhaus Bochum, Regie: Niklaus Helbling
Wünsch dir was UA 29.9.2006, Schauspielhaus Zürich, Regie: Niklaus Helbling
Habe ich dir eigentlich schon erzählt … ein Märchen für alle UA 2.10.2007, Deutsches Theater in Göttingen, Regie: Katja Fillmann
Die goldenen letzten Jahre UA 18.2.2009, Theater Bonn, Regie: Schirin Khodadadian – „Stücke ’09“
Nur nachts UA 26.2.2010, Wiener Akademietheater, Regie: Niklaus Helbling
Hauptsache Arbeit! UA 20.3.2010, Staatstheater Stuttgart, Regie: Hasko Weber
Missionen der Schönheit UA 30.9.2010, Staatstheater Stuttgart, Regie: Hasko Weber
Lasst euch überraschen! Ein Weihnachtsstück UA 3.12.2010, Theater Bonn, Regie: Maaike van Langen
Die Damen warten UA 15.12.2012, Theater Bonn, Regie: Klaus Weise
Angst reist mit UA 23.3.2013, Staatstheater Stuttgart, R: Hasko Weber, Ko-Regie: Sibylle Berg
Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen UA 23.11.2013, Maxim Gorki Theater, Berlin, Regie: Sebastian Nübling
Viel gut essen UA 18.10.2014, Schauspiel Köln, Regie: Rafael Sanchez
Mein ziemlich seltsamer Freund Walter UA 9.11.2014, Consol Theater Gelsenkirchen, Regie: Andrea Kramer – „KinderStücke 2015“
Und dann kam Mirna UA 24.9.2015, Maxim Gorki Theater, Berlin, Regie: Sebastian Nübling – Publikumspreis der „Stücke 2016“
How to Sell a Murder House UA 8.10.2015 Theater Neumarkt, Zürich, Regie: Sibylle Berg
Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause UA 15.9.2017, Maxim Gorki Theater Berlin, Regie: Sebastian Nübling
Wonderland Ave. UA 8.6.2018, Schauspiel Köln, Regie: Ersan Mondtag – „Stücke 2019“

Prosa
1997 Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot, Reclam, Leipzig
1998 Sex II, Reclam, Leipzig
1999 Amerika, Hoffmann und Campe, Hamburg
2000 Gold, Hoffmann und Campe, Hamburg
2001 Das Unerfreuliche zuerst. Herrengeschichten, Kiepenheuer & Witsch, Köln
2004 Ende gut, Kiepenheuer & Witsch, Köln
2006 Habe ich dir eigentlich schon erzählt … Ein Märchen für alle, Kiepenheuer & Witsch, Köln
2007 Die Fahrt, Kiepenheuer & Witsch, Köln
2009 Der Mann schläft, Hanser, München
2012 Vielen Dank für das Leben, Hanser, München
2013 Wie halte ich das alles nur aus? Fragen Sie Frau Sibylle, Hanser, München
2015 Der Tag, als meine Frau einen Mann fand, Hanser, München
2016 Wunderbare Jahre. Als wir noch die Welt bereisten, Hanser, München
2019 GRM: Brainfuck, Kiepenheuer & Witsch, Köln

Hörspiele
2000 Sex II, SWR
2003 Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot, NDR/HR
2005 Ende gut, WDR
2006 Das wird schon. Nie mehr lieben!, NDR
2007 Hongkong Airport 23.45 h, WDR
2010 Der Mann schläft, NDR
2015 Und jetzt: die Welt!, MDR
2018 Viel gut essen, MDR

Auszeichnungen und Preise
2000 Marburger Literaturpreis
2008 Wolfgang-Koeppen-Literaturpreis
2012 Auszeichnung der Stadt Zürich
2014 Stück des Jahres in der Kritikerumfrage von Theater heute für „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“
2016 Friedrich-Luft-Preis für „Und dann kam Mirna“
2016 Hörspielpreis der Kriegsblinden für „Und jetzt: die Welt!“
2016 Publikumspreis der „Stücke 2016“ für „Und dann kam Mirna“
2016 Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis
2017 Auszeichnung der Stadt Zürich
2019 Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor

www.sibylleberg.com

 

Und dann kam Mirna

von Sibylle Berg
Maxim Gorki Theater, Berlin
Freitag, 13. Mai und Samstag, 14. Mai, jeweils 19.30 Uhr, Stadthalle Studio

Sie sind zurück und sie sind älter geworden: Die furios wütenden jungen Frauen aus Sibylle Bergs Stück Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen (2013). Mit dem Alter ist ihre Verzweiflung nicht kleiner geworden und dass sie Mütter geworden sind, macht ihr Leben auch nicht einfacher.
In Und dann kam Mirna stampfen wieder vier Schauspielerinnen in ihren Schlabberpullis, den geblümten Kleidern und den Hornbrillen auf die Bühne und tragen ihre zerbrochenen Lebensentwürfe und vielfach reflektierten Lebenslügen wortstark an die Rampe. Ihre Töchter tragen pinkfarbene Kapuzenjäckchen, knappe Shorts und einen Pferdeschwanz und sind im Gegensatz zu ihren Müttern pragmatisch, ehrgeizig und gehen den anstehenden Umzug aufs Land tatkräftig an. Der Generationenvertrag ist längst zerbrochen, das Projekt Familie in der Sackgasse gelandet.
„Manchmal überfordert mich die Aufgabe, der erwachsene Mensch zu sein“, sagt eines der Töchter-Ichs zum Mütterchor. Und: „Ich bin nicht deine Freundin, Mutter. Ich bin von dir abhängig.“
Gnadenlos und pointensicher nimmt Sibylle Berg diesen Generationentanz in den Blick, der mal chorisch, mal solistisch und immer in rasantem Tempo daher kommt. Und dann kam Mirna (wieder in der Regie von Sebastian Nübling) ist beste Unterhaltung, gerade weil sich die sarkastische Gesellschaftsanalyse mit zärtlichen Momenten der Rat- und Orientierungslosigkeit verbindet und uns so zu einem Teil des mäandrierenden Erzählstroms macht.

Dagmar Walser

 

Uraufführung am 24. September 2015, Maxim Gorki Theater, Berlin

 

Mit: Sarah Böcker, Aydanur Gürkan, Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas, Fée Mühlemann, Çiğdem Teke, Annika Weitzendorf

Regie: Sebastian Nübling
Choreographie: Tabea Martin
Bühne: Magda Willi, Moïra Gilliéron
Kostüm: Ursula Leuenberger
Dramaturgie: Katja Hagedorn

Aufführungsdauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause
Aufführungsrechte: Rowohlt Theaterverlag, Reinbek bei Hamburg
Stückabdruck in Theater heute 11/2015

 

www.gorki.de

 

 

 

 

 

 

Berg, Sibylle