Die Beteiligten

von Kathrin Röggla

Stücke 2010

Düsseldorfer Schauspielhaus

Der Name Natascha Kampusch fällt kein einziges Mal, und doch ist nach wenigen Sätzen klar, dass es hier um sie geht, um den Fall der im Kindesalter entführten, erst nach acht Jahren höllischer Gefangenschaft befreiten Österreicherin, die scheinbar selber zu Wort kommt. Doch das „Ich“, das hier in andauernder indirekter Rede spricht, ist nur eine Projektion, in der sich die Kommentare der anderen spiegeln, der Bescheidwisser, Sensationsgeier, kurz: der „Beteiligten“, wie Kathrin Röggla sie im Titel nennt. Die Psychologin, der Journalist, die neugierige Nachbarin: Es sind solche selbst ernannten Experten, die hier sprechen und sich in ihrer konjunktivistischen Rede des Opfer-Ichs bemächtigen: „sie wolle ja nur sagen... “, „ich liefe gefahr, eine prinzessinnendiktatur zu errichten... “. Im Stimmenkonzert dieser nicht direkt, sondern über die Medien an der Sache Beteiligten, erklingt nicht nur die Resonanz, die der Fall Kampusch in der Öffentlichkeit hervorgerufen hat – es blitzt in dem indirekten Redefluss auch die entlarvende Perspektive des „Opfers“ auf seine es vereinnahmende Umwelt auf, wie hier überhaupt öffentliche und mediale Wahrnehmung sehr raffiniert hinterfragt wird. Die Katastrophenspezialistin Kathrin Röggla hat da kluge Spracharbeit geleistet. Und Stephan Rottkamp hat mit Hilfe der kongenialen Raum- und Videoinstallation von Robert Schweer eine starke, die scheinbare Live-Situation mehrfach brechende Umsetzung dafür gefunden. In der Möglichkeitsform eröffnet sich hier ein neuer Blick auf die Wirklichkeit.
Christine Dössel


Uraufführung am 19. April 2009 im Kleinen Haus

Inszenierung: Stephan Rottkamp
Raum- und Videoinstallation: Robert Schweer
Kostüme: Esther Geremus

Mit
Denis Geyersbach
Claudia Hübbecker
Anna Kubin
Wolfram Rupperti
Pierre Siegenthaler
Susanne Tremper

Aufführungsdauer: 1 ½ Stunden, keine Pause
Aufführungsrechte: S. Fischer Verlag Theater & Medien, Frankfurt / Main


 

 

 

 

Fotos: Sebastian Hoppe

 

 

Kathrin Röggla

Geboren 1971 in Salzburg.
Dort begann sie 1989 ihr Studium der Germanistik und Publizistik, welches sie 1992 in Berlin fortsetzte und 1999 erfolgreich abbrach. Seit 1988 ist sie aktiv in der literarischen Öffentlichkeit. Zunächst in der Salzburger Literaturwerkstatt, der Salzburger Autorengruppe und in der Redaktion der Literaturzeitschrift "erostepost". Im Zusammenhang mit diesen Gruppierungen trat sie mit Lesungen, Performances und Videoperformances auf. Durch den Umzug nach Berlin erfolgte eine Konzentration auf den schriftlichen Text. Es entstanden die ersten Bücher sowie Kurzprosa. Seit 1998 verfasst und produziert sie auch Radioarbeiten - Hörspiele, akustische Installationen, Netzradio.
Seit 2002 schreibt sie auch Theatertexte.
Kathrin Röggla lebt seit 1996 in Berlin-Neukölln.

 

Stücke

fake reports UA 16.10.2002, Volkstheater Wien / steirischer herbst, Regie: Tina Lanik
superspreader Monolog UA 21.06.2003, Düsseldorfer Schauspielhaus, Regie: Gustav Rueb
totficken. totalgespenst. topfit. Einakter UA 20.12.2003, Burgtheater (Kasino) Wien, Regie: Stephan Rottkamp
sie haben soviel liebe gegeben, herr kinski! UA 13.3.2004, Pumpenhaus Münster, Regie: Paula Artkamp
wir schlafen nicht UA 07.04.2004, Düsseldorfer Schauspielhaus, Regie: Burkhard C. Kosminski
junk space UA 29.10.2004, steirischer herbst / Theater am Neumarkt, Zürich, Regie: Tina Lanik
draußen tobt die dunkelziffer UA 08.06.2005, Volkstheater Wien, Regie: Schorsch Kamerun – „Stücke ´06“ (Inszenierung des Maxim Gorki Theater Berlin, Regie: Stephan Müller)
publikumsberatung UA, 2.5.2008, Theater am Neumarkt, Regie: Leopold von Verschuer
plan b minidrama UA 17./18.5.2008, Schauspielhaus Bochum, Regie: Hans Dreher
worst case UA 11.10.2008, Theater Freiburg, Regie: Leopold von Verschuer
die beteiligten UA 19.04.09, Düsseldorfer Schauspielhaus, Regie: Stephan Rottkamp – „Stücke 2010“
machthaber UA 03.03.2010, Schauspielhaus Wien, Regie: Daniela Kranz
 

Preise und Auszeichnungen

1992 Salzburger Landesliteraturpreis
1995 Reinhard Priessnitz-Preis und Meta-Merzpreis
2001 Alexander von Sacher-Masoch-Preis, Italo-Svevo-Preis und New-York-Stipendium des Literaturfonds
2003 Hans-Erich-Nossack-Förderpreis, RIAS Preis
2004 Förderpreis des Schillergedächtnispreises, Preis der SWR-Bestenliste und Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch
2005 Solothurner Literaturpreis und Internationaler Preis für Kunst und Kultur des Kulturfonds der Stadt Salzburg
2008 Anton-Wildgans-Preis

Zahlreiche Buchpublikationen und Radioarbeiten



 

Die Beteiligten

draußen tobt die dunkelziffer

von Kathrin Röggla

Stücke 2006

Maxim Gorki Theater Berlin

Theater des sozialen Sachverhalts
Das Theater ist angekommen in dieser Zeit, unvermittelt neuerdings. Es beschäftigt sich nicht nur mit dem emotionalen Reflex auf soziale Verhältnisse; es reportiert und kolportiert diese selbst. Die Arbeiten Kathrin Rögglas sind dafür das beste Beispiel. Ihr jüngstes, wieder doku-mentarisches Elaborat widmet sich geradezu empirisch dem Kaufrausch, ja, der Konsum-neurotik unter der Herrschaft der ökonomie heutzutage. "draußen tobt die dunkelziffer" ist das Ergebnis ihrer Recherche zu den Folgen bei Schuldenmachern und Schuldenberatern.
Pleite sind, beweist die Statistik, nicht nur die öffentlichen Hände und unzählige Betrie-be. Verführt vom Warenangebot und von der Praxis des Erwerbs auf Pump, haben sich Millionen Haushalte in den Bankrott getrieben. Schicksale, die unserer Aufmerksamkeit über alle Moral, Theatralik oder Betroffenheit hinweg als Sachverhalt anheimgestellt werden. So kühl die Beschreibung, so distanziert die Beobachtung. Zeitgemäß ist das Stück inhaltlich wie in der Form.
Drei Bühnen haben sich schon bemüht, diesem Text, in dem die Personen Tatsachen und keine Charaktere sind, Leben und Anschaulichkeit mitzugeben. Nach der Uraufführung im Wiener Volkstheater, die ihn an eine vom Regisseur moderierte Show verschenkte, ordneten ihn die Münchner Kammerspiele hintersinnig ihrem Jahressammelthema "Du sollst nicht sparen" zu. Auch szenisch interessant gemacht wurde das Material zu einem aktuellen Phänomen erst in der Inszenierung Stephan Müllers am Gorki Theater Berlin: transparent und spielerisch plausibel mit unterschiedlichsten Einzel- und Gruppenfigurationen. Bis uns der Schluß mytho-logieverdächtig weg von den Fakten führt.
Dietmar N. Schmidt

Regie: Stephan Müller
Bühne: Hyun Chu
Kostüme: Marion Münch

Mit:
Anya Fischer
Monika Lennartz
Ruth Reinecke
Ursula Werner
Thomas Bischofberger
Silvio Hildebrandt
Wolfgang Hosfeld
Rainer Kühn
Thomas Müller

Uraufführung am 8. Juni 2005, Volkstheater Wien / Wiener Festwochen

Premiere im Maxim Gorki Theater am 24. Februar 2006


Aufführungsrechte: S. Fischer Verlag Theater & Medien, Frankfurt am Main


 

 

 

 

Röggla, Kathrin