Der Kick

Nachlass Wilfried Böing



Andres Veiel und Gesine Schmidt haben sich für "Der Kick" auf den Weg nach Potzlow gemacht, jenes trostlose brandenburgische Kaff, in dem man schon lange nicht mehr die Arbeitslosen zählt, sondern die wenigen anderen, die noch Beschäftigung haben. Wie konnten dort ein paar besoffene Freunde einen der ihren stundenlang demütigen, ausdauernd quälen, bis sie ihm schließlich unter rechtsradikalen Sprüchen in mehreren Anläufen den Schädel zertrümmern? Saufen sich die brandenburgischen Jugendlichen die Birne breit, bis sie mit den paar verbliebenen Hirnzellen auf angemessen beschränktes, ausländerfeindliches Gedanken-gut hereinfallen? Oder hält man den Stumpfsinn der Chancenlosigkeit nur aus, wenn man sich den Kopf auf die Höhe der Situation heruntertrinkt?
Man könnte sich die Sache wie erwähnt einfach machen, von "Unterschichten" sprechen und die Sache ad acta legen. Sollen sich die Leute doch totsaufen, dies ist ein halb-wegs freies Land, und der Rest ein Fall für die Gerichte. Andres Veiel und Gesine Schmidt sagen das nicht und sie sagen auch sonst nichts. Sondern lassen die anderen reden, bis man sie versteht. Das Theater stößt dabei schnell an eine Grenze. Denn sobald aufgeklärte, gebildete, intelligente Schauspieler mehr tun, als ihre Doku-Rollen vorzuweisen, falls sie in die Einfühlungs-Falle gehen und sich huldvoll herabverwandeln, droht die Sozialschnulze. Glaubwürdige Aufklärung gibt es in Potzlow nur um einen Preis: Dass man draußen bleibt. Auch als Künstler.
Franz Wille

Uraufführung: 
23.04.2005 am Theater Basel

Mit: Susanne-Marie Wrage, Markus Lerch
Regie: Andres Veiel
Bühne und Kostüme: Julia Kaschlinski