Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)

Foto: Arno Declair



Man kann in ihr eine heilige Johanna der Landstraîe sehen. Vielleicht ist sie aber auch nur eine durchgeknallte junge Frau, der nach einer Drogenkarriere ein Engel erscheint und die furchtbar religiös wird. Auf jeden Fall ist die Erika in Lukas Bärfuss „Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)“ eine der kraftvollsten Frauenfiguren, die in den letzten Jahren im Theater gesichtet wurde. Dort steht sie nun und will unter Aufbietung aller Kräfte nach Tschenstochau zur schwarzen Madonna ins Zentrum des polnischen Katholizismus. Dumm nur, dass sie in den falschen Bus steigt, beim gewalttätigen Busfahrer Hermann landet und einer kleinen Schar scheinheiliger Reisender ausgeliefert ist. "Kur oder Kirche" lautet hier die Frage. Die normalen Fahrgäste wollen lediglich ein grenznahes Wellness-Hotel ansteuern, da Erika aber alles andere als eine kraftlose Frömmlerin ist, kommt es zu überraschenden Wendungen.
Irgendwann steht sie neben dem dauerbetrunkenen Tankwart Anton. Zwischen den beiden bahnt sich eine Liebesgeschichte an und Fritzi Haberlandt spielt die Erika auch da als zarte Frau, der man auf keinen Fall den eisernen Willen zutrauen würde, den sie immer wieder an den Tag legt. Am Ende landet die Pilgerin in Tschenstochau, muss aber feststellen, dass auch das Herz des Katholizismus im kapitalistischen Takt pulsiert. Auch das geschieht bei Lukas Bärfuss wie nebenbei und zeigt einmal mehr, dass die Gretchenfrage im Theater nur mit überzeugenden Figuren angesprochen werden kann. Im Fall von "Der Bus" funktioniert das über eine Frau, deren Glaub-würdigkeit ansteckend wirkt und der ein Ensemble heutiger Menschen gegenüber steht, die alle nur auf den eigenen Vorteil aus sind. Kommt eine Inszenierung wie die von Stephan Kimmig am Hamburger Thalia hinzu, ist auch das Theater dort, wo es immer hin pilgern sollte.
Jürgen Berger

Uraufführung: 
29. Januar 2005

Mit: Markus Graf, Fritzi Haberlandt, Peter Jordan, Katharina Matz, Verena Reichhardt, Hartmut Schories, Victoria Trauttmansdorff, Werner Wölbern
Regie: Stephan Kimmig
Bühne: Katja Haî
Kostüme: Barbara Drosihn
Musik: Michael Verhovec

Auftragswerk für das Thalia Theater Hamburg