Das Leben auf der Praça Roosevelt

Foto: Arno Declair



«Wenn du eine andere Einstellung zu deinem Beruf gehabt hättest, dann wäre er noch am Leben», sagt die Frau des Polizisten ihrem Mann, der sich mit Orangen überfressen hat, bis ihm die Säure die Eingeweide zersetzt. Wie es dazu kommen konnte, zeigt Dea Loher in «Das Leben auf der Praca Roosevelt». - Praca Roosevelt? Was erzählt das Kommen und Gehen auf einer mit Dealern, Kleinkriminellen, Prostituierten und biederen Angestellten bevölkerten, häßlichen Straßenkreuzung in Sao Paolo dem deutschen Theater? Die Frage stellt sich natürlich nicht wirklich, jedenfalls nicht in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg, die so selbstverständlich zwischen Hamburger Schauspielern und dem ökonomisch verelendenden Brasilien vermittelt, dass Europas Zukunft mit Händen zu greifen ist. Dabei muss man diese Zukunft gar nicht schwarz sehen. Sind nämlich alles nette und ordentliche Menschen, die mittlerweile größtenteils arbeitslosen Bewohner der Praca Roosevelt, auch wenn sie ihre Tics und Schwächen haben. Wem schadet schließlich Conchas Katzenfimmel oder Auroras derangierte Transenfummel, auch wenn die eine etwas streng riecht und die andere gelegentlich vergewaltigt wird? Oder jener seltsam unkorrupte Polizist, der allen Ernstes seinem ebenfalls gefeuerten Sohn ausreden wollte, die Hände von den Drogen zu lassen. Und dabei sogar Erfolg hatte, bis sein gewissenhafter Sohn, der für sein Leben gern Orangen aß, von den ebenfalls gewissenhaften Dealern gewissenhaft geschlachtet wird. Aber was wäre die richtige Berufs-Einstellung, wenn es keine richtigen Berufe mehr gibt?
Franz Wille

Uraufführung: 
02. Juni 2004

Mit: Judith Hofmann, Hans Löw, Markwart Müller-Elmau, Peter Moltzen, Verena Reichhardt, Natali Seelig
Regie: Andreas Kriegenburg
Bühne: Thomas Schuster
Kostüme: Thomas Schuster/Andreas Kriegenburg
Musik: Laurent Simonetti