Das fliegende Kind

Foto: Reinhard Werner
von Roland Schimmelpfennig

Stücke 2012

Burgtheater Wien, Akademietheater

Ein Unfall, mehr nicht. Er trägt sich während des Sankt-Martins-Umzugs auf offener Straße zu und endet tödlich. Ein schwarzer Wagen erfasst einen Jungen so heftig, dass er durch die Luft fliegt und nichts von ihm zurückbleibt als ein Stiefel im Rinnstein. Daher der Titel, der nach einem Märchen klingt: „Das fliegende Kind“. Es gibt tatsächlich märchenhafte Züge in diesem dunkel-poetischen Stück – Stücke 2012: Johann Adam Oest (Ein Mann um die Sechzig) in DAS FLIEGENDE KIND, von Roland Schimmelpfennig, Inszenierung des Burgtheaters Wien, Akademietheaterso fliegt etwa das Kind hoch zum Kirchturm und spricht mit dem Küster, bevor es stirbt –, aber es ist kein Märchen. Es ist eine Tragödie. Eine furchtbar alltäg-liche Tragödie, geboren und vom Autor kleinteiligst zusammengepuzzelt aus der Banalität des Lebens. Aber wie monströs für die Beteiligten! Für den Vater des Kindes, der am Steuer des Wagens sitzt, aber nichts von dem Unfall mitbekommt. Für die Mutter, die nicht merkt, wie ihr Junge auf die Straße zurückrennt. Und nicht zuletzt für die Zuschauer, die haarklein mit-bekommen, wie das Unglück sich zusammenbraut.
"Das fliegende Kind“ ist ein chorisches, todbitterkomisches Horror- Stücke 2012: Johann Adam Oest (Ein Mann um die Sechzig), Peter Knaack (Ein Mann um die Vierzig), Falk Rockstroh (Ein Mann um die Fünfzig), Barbara Petritsch (Eine Frau um die Sechzig), Christiane von Poelnitz (Eine Frau um die Vierzig) in DAS FLIEGENDE KIND von Roland Schimmelpfennig, Inszenierung des Burgtheaters Wien, Akademietheater und Sprachkunststück in knapper, hochvirtuoser Notation, streng gebaut aus Rezitativen, Kadenzen, Satz-Refrains. Ein sprachliches Notturno, das wie der vorbeizischende Wagen einen Sog ins Nichts entwickelt und nur eines hinterlässt: unstillbare Trauer, deren Mechanismen der Autor in Echo- und Wieder-holungssätzen miterzählt. Wie sein Siegerstück von 2010, "Der goldene Drache“, hat Roland Schimmelpfennig auch diesen Text selber inszeniert. Mit sechs zauberhaften Schauspielern vom Wiener Burgtheater gelingt ihm eine bewegende Todesfuge - und das so filigran und kindlich verspielt, dass das Dunkle zu schwingen anfängt.

Christine Dössel


Uraufführung am 4. Februar 2012 im Akademietheater



Regie: Roland Schimmelpfennig
Bühne: Johannes Schütz
Kostüme: Lane Schäfer, Johannes Schütz
Dramaturgie: Klaus Missbach
Licht: Felix Dreyer


Eine Frau um die Vierzig: Christiane von Poelnitz
Eine Frau um die Fünfzig: Regina Fritsch
Eine Frau um die Sechzig: Barbara Petritsch
Ein Mann um die Vierzig: Peter Knaack
Ein Mann um die Fünfzig: Falk Rockstroh
Ein Mann um die Sechzig: Johann Adam Oest


Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Aufführungsrechte: S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main


Foto: Reinhard Werner
Foto: Reinhard Werner

 

 

 

 

Fotos: Reinhard Werner