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Täglich ein Clubsandwich

Der StückeBlog

Ein Team aus unabhängigen Blogger*innen, zusammengesetzt aus Studierenden verschiedener Fachrichtungen, schaut hinter die Festival-Kulissen. In Text-, Audio- und Videobeiträgen zeigen sie ihre ganz persönlichen Perspektiven auf die „Stücke“ und die „KinderStücke“.

Kritik

Der Blick hinter die Fassade ist immer ein intimes Geständnis ­– oder auch der Blick in die Handtasche, wie ihn das Schauspiel Leipzig auf der Bühne mit „White Passing” von Sarah Kilter präsentiert. Überdimensional groß präsentieren sich Tampon, Schokolade und Kassenzettel in der von allen Seiten angestrahlten Einkaufstasche auf der Bühne der Stadthalle. Das Stück ist nominiert worden für den Mülheimer Dramatikpreis und ist nicht nur wegen des dramatischen Debüts seiner Autorin, sondern auch aufgrund seiner grandiosen textuellen Zusammenschlüsse soziokultureller Observationen ein herausragender Beitrag zur Gegenwartsdramatik. Konkret gemeint sind damit die wie beiläufig aufgeschnappten Beobachtungen zu einem Deutschland, die von einer autofiktiven Figur namens Sarah gesammelt und zu pseudo-intellektuellen Gesprächen und bissigen Kommentaren aufbereitet werden.

Zwischen den gigantischen Requisiten auf der Bühne von Christoph Ernst lassen sich drei Schauspielende erkennen, deren Kostüme ihnen eine Barbie- und Ken-Optik verleihen. Die Transformation von der künstlichen Plastikfassade des Malibu Beach House zur plastischen Ausstattung des Stücks von Sarah Kilter ist geglückt. Der Konsum und dessen Kritik ist also kaum – oder nur mit Mühe – zu übersehen. Darauf hat die Autorin in ihrem Text großen Wert gelegt, auch wenn der Schwerpunkt da noch ein anderer ist. Sie erzählt in „White Passing” mit der autofiktionalen Figur Sarah auf mehreren Ebenen und aus unterschiedlichen Perspektiven heraus über eine Gesellschaft, in der das Gelesen-werden als „deutsche” Figur oder Identität nur zu einem gewissen Preis funktioniert. Und der Preis – und da ist der Spätkapitalismus wieder – zeigt sich in der Ruhe- oder vielmehr Haltlosigkeit der Hauptfigur, die sich zwischen Charlottenburg und Wedding entscheiden muss und, statt einen Geburtstag im Neu- und Altreichenviertel in Ku’damm-Nähe zu feiern, lieber zur Badstraße fährt, um dort in Erinnerungen an ihre Kindheit zu schwelgen und über die Unzufriedenheit einer Generation zu reflektieren. Wickeln sich die Schauspielenden auf der Bühne mit den Kassenzetteln von Lebensmitteldiscountern ein, dann wird auf diese Weise plakativ dargestellt, wie sich die Dynamiken der Zuschreibungen von Stadtteil zu Stadtteil verändern. Ob High-Fashion oder Second-Hand Kleidung. Vor jedem Hintergrund ändern sich die Konnotationen.

Dabei ist bemerkenswert, wie wenig melancholisch, aber zynisch exakt sie in diesen Erinnerungen wie auch Beobachtungen vorgeht. Eigen- und Fremdzuschreibungen konkurrieren dabei pausenlos miteinander und werden pointiert in den Dialogen zwischen Jule, Thomas, A und B und wohl zwischen noch so einigen weiteren Personen transparent gemacht.

Das sieht man ihr nicht an

Denn Sarah misst Deutschland in Spiegelstrichen ab. Ein Deutschland, das den Bildungsbürgerhintergrund als Maßstab anerkennt und ihn dann zum Problem erhebt, wenn sich herausstellt, dass die Autorin doch Eltern ohne Abitur hat. Oder einen Migrationshintergrund. Denn das sieht man ihr nicht an. Das merkt man ihr nicht an. Dass ein solches Identitätsmerkmal plötzlich als defizitär wahrgenommen wird, obwohl sie die für ihr Umfeld betreffende Rollenzuschreibung längst als erfüllt wahrgenommen hatte, wird der Grund für die Unruhe der Autorin, die mit ihrem Stück „White Passing” erst den Anfang einer Diskussion über unsere Gesellschaft formuliert hat.

Was textuell auf feinfühlige Art und Weise ausdifferenziert wird und an gewissen Stellen mit der nötigen Aggressivität, aber nie Boshaftigkeit, herausgegriffen wird, kann auf der Bühne akustisch nicht gänzlich seine Wirkung entfalten. Die Künstlichkeit und das Ineinandergreifen von Äußerlichkeiten unter dem Druck zur absoluten Selbstoptimierung durch Statussymbole und das tägliche Clubsandwich im Café werden performativ durch marionettenhaftes Gestikulieren und eine quietschige Tonlage präsentiert. Das ist zwar herrlich überspitzt, aber wird den griffigen Beobachtungen Kilters zu Deutschland nicht gänzlich gerecht.

Die Fragen nach dem Ich und nach dem Werden, die sich als Prozesse des permanenten Beobachtens erweisen, werden nach dem Abend nicht beantwortet. Und es ist als Leistung des Texts anzusehen, dass auf diese Antworten noch gewartet werden muss und sich das, was in der Inszenierung kapitalistische Marker betonen, erst noch verändern muss. Sarah Kilter beschreibt die Unhaltbarkeit der Gegenwart anhand der eigenen Geschichte. Eine derartige Auseinandersetzung erfordert viel Mut, der durch die Nominierung für den Dramatikpreis Ausdruck verliehen wurde. Umso trauriger ist es, dass eben solche Perspektiven in der Diskussion um den Preis eher weniger gewürdigt wurden.


Malin Kraus arbeitet als studentische Hilfskraft bei den 47. Mülheimer Theatertagen.

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