Eine Welt ohne dich

Der StückeBlog

Ein Team aus unabhängigen Blogger*innen, zusammengesetzt aus Studierenden verschiedener Fachrichtungen, schaut hinter die Festival-Kulissen. In Text-, Audio- und Videobeiträgen zeigen sie ihre ganz persönlichen Perspektiven auf die „Stücke“ und die „KinderStücke“.


Kolumne

Und dann war da plötzlich diese Angst. Diese Angst, dass es vorbei sein könnte. Diese Angst habe ich schon einmal gespürt. Beim letzten Mal, als ich den Krankenwagen gerufen habe. Damals ging alles gut. Diesmal hat Mama den Krankenwagen gerufen. Sie war zu Hause. Was ist, wenn beim nächsten Mal niemand zu Hause ist? Wird es ein nächstes Mal geben? Ich weiß es nicht. Wir haben keinen Einfluss darauf – ich nicht, Mama nicht. Du auch nicht. Manchmal passieren solche Dinge und wir haben keinen Einfluss darauf. Manchmal haben wir einfach Glück. Dieses Mal fühlte es sich anders an.

Es war Vatertag, du warst schon vier Tage weg. Ich dachte es geht dir besser, aber Angst hatte ich trotzdem. Überall sah ich Posts oder Werbung zum Vatertag. Für all die Väter da draußen, für den besten Papa. Alle gratulieren ihren Vätern und verbringen den Tag mit ihnen. In mir schrie es: „Es ist doch nur Christi Himmelfahrt, hört auf über den Vatertag zu sprechen“. Ich dachte nur daran, dass ich dich nicht sehen kann. Nicht sehen darf. In stiller Hoffnung, dass ich dich aber bald wiedersehen werde.

Dann kam am nächsten Tag der Anruf. Und die Angst. Viel schlimmer als vorher. „Wir müssen notoperieren“. Ich kann nicht mehr klar denken. Ich denke an die Streits, die wir hatten. Kinder und Eltern streiten sich, das kommt vor. Deshalb bin ich letztes Jahr ausgezogen. Wenn ich dich dann besuche, diskutieren wir oft weiter. Dann bin ich genervt. Oft auch sauer. Ich möchte nicht sauer sein. Ich möchte, dass du jetzt neben uns auf der Couch sitzt. Mein Herz schlägt wie wild, immer wenn das Telefon klingelt. Ich höre die schlimmstmögliche Nachricht schon in meinem Ohr. Ich bin noch nicht bereit dafür. Ich will nicht ans Telefon gehen.

Und plötzlich bist du am Telefon. Da muss ich wieder weinen – vor Freude. Über 16 Stunden haben sie dich schlafen lassen. Und jetzt bist du aufgewacht. „Ich hab dich lieb, Papa“, sage ich. Den Satz sage ich viel zu selten. Du wirst wieder nach Hause kommen. Und ich werde dir öfter sagen, dass ich dich lieb habe. Ich weiß, dass ich irgendwann in einer Welt ohne dich leben muss. Aber noch nicht jetzt. Du bist zu jung. Ich bin zu jung. Dafür bin ich noch nicht bereit. Werde ich jemals bereit sein?

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