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Auch 2022 werden wieder Blogger*innen das Festival begleiten. Studierende können sich ab sofort für das Team bewerben – alle Informationen dazu unter „Aktuelles“. Hier ist zu sehen, wer die sechs Blogger*innen 2021 waren – und wie kreativ sie über die Mülheimer Theatertage berichtet haben.


Im Februar dieses Jahres sorgten 185 Schauspieler:innen mit #ActOut für Schlagzeilen und ein großes Echo, das die deutschsprachige Film-, Fernseh- und Theaterbranche erschütterte. Ein gemeinsames Coming-out und Manifest, das den Einsatz für mehr Akzeptanz von queeren Menschen sowohl in der Gesellschaft als auch innerhalb der Branche bekräftigte. Unter den Erstunterzeichner:innen war auch der Theater- und Filmschauspieler Til Schindler, der als Ensemblemitglied am Schauspielhaus Wien auch in der zu den 46. Mülheimer Theatertagen eingeladenen Produktion „Tragödienbastard“ auf der Bühne steht. Unser Autor Marvin Wittiber hat mit ihm über Coming-out, Sichtbarkeit von Queerness im Theater, Rollenbesetzungen und fehlende schwule Vorbilder in der eigenen Jugend gesprochen.

 

Blog: Mehr als drei Monate ist es mittlerweile her, dass du und deine Schauspielkolleg:innen mit #ActOut an die Öffentlichkeit gegangen seid. Warum hast du dich damals dafür entschieden, Teil dieser Initiative zu sein?

Til Schindler: Schon vor #ActOut habe ich mich in der Queer Media Society für mehr Diversität und queere Sichtbarkeit engagiert. Außerdem habe ich der Süddeutschen Zeitung bereits vor drei Jahren ein Interview zu Homosexualität in der Filmbranche und der Angst vor dem Coming-Out gegeben. Und da ich sowieso stets geoutet war, war für mich ganz klar, dass ich da mitmache. Dass es zum Schluss dann sogar 185 Schauspieler:innen geworden sind und die Zahl stetig wächst, hat mich sehr gefreut. Denn damals konnte ich die Schauspieler:innen, die geoutet waren, noch an einer Hand abzählen.

Blog: Welche Reaktionen auf die Initiative hast du wahrgenommen?

Til Schindler: Ich glaube, dass das ein immenser Befreiungsschlag für die gesamte Branche gewesen ist. Dass das Manifest wirklich etwas verändern kann, hat man auch an der Größe des Echos gesehen. Natürlich gab es auch vereinzelt Kritik, aber es war ein Aufatmen in der Branche zu spüren, dass nun endlich auch über diese Themen gesprochen werden konnte.

Blog: Als du der Süddeutschen Zeitung das von dir eingangs erwähnte Interview gegeben hast, war #ActOut noch undenkbar und in weiter Ferne. In dem Artikel heißt es, du hättest damals kurz gezögert, bevor du dem Interview zusagtest, weil du unsicher warst, ob es deiner Karriere schaden würde, wenn die gesamte Branche wüsste, dass du schwul bist. Woran hast du diese Befürchtungen festgemacht?

Til Schindler: Das sind für mich berechtigte Sorgen gewesen, weil sowohl mir als auch vielen meiner Kolleg:innen von Caster:innen und Produzent:innen eindringlich von einem Coming-Out abgeraten wurde. Da hieß es dann oft „Mach das lieber nicht“ oder „Deine sexuelle Orientierung ist Privatsache“. Aber das ist ein totales Doppelstandard-Argument: Denn heterosexuellen Schauspieler:innen wird ja auch nicht gesagt, dass ihre sexuelle Orientierung in der Öffentlichkeit nichts zu suchen habe.

Blog: Haben sich deine Befürchtungen bewahrheitet? Hast du weniger Engagements nach deinem Outing bekommen?

Til Schindler: Das kann man als Schauspieler nicht so richtig einschätzen, weil man an den finalen Auswahlprozessen nicht beteiligt ist und im Nachhinein auch nicht erfährt, warum man jetzt eine Rolle bekommen oder nicht bekommen hat.

Blog: Hast du denn schon Diskriminierung in deiner Arbeit als Theaterschauspieler erlebt?

Til Schindler: Ja, habe ich – so wie viele meiner Kolleg:innen auch. Natürlich ist es im Theater in puncto Diskriminierung ein wenig besser als in weiten Teilen der Gesellschaft, aber es ist falsch davon auszugehen, dass die gesamte Kulturbranche völlig tolerant und aufgeklärt sei. Auch Theatermacher:innen sind Teil der homophoben Mehrheitsgesellschaft.

Blog: Neben dem #ActOut Manifest gibt es aktuell eine weitere große Diskussion in der Schauspielbranche: der Streit um Rollenbesetzungen. Dabei trifft Kunstfreiheit auf Identitätspolitik. Wer darf, kann, soll wen spielen? In „Tragödienbastard“ verkörperst du selbst eine weibliche Figur. Dürfen deiner Meinung nach heutzutage noch Männer Frauenrollen oder heterosexuelle Männer schwule Charaktere spielen?

Til Schindler: Das dem zugrunde liegende Problem ist, dass queere Schauspieler:innen unterrepräsentiert sind und mehr vorkommen sollten. Allerdings fände ich es absolut falsch, wenn schwule Rollen nur noch mit schwulen Schauspielern besetzt werden würden. Das ist einfach ein doppelter Standard: Man kann nicht sagen, wir wollen alles spielen können und dann verbieten wir anderen Schauspieler:innen, bestimmte Rollen zu verkörpern. In den Proben zu „Tragödienbastard“ haben wir sehr viel über diese Thematiken gesprochen. Und anfangs habe ich mich dabei auch schon so ein wenig gefragt, was meine Position hier ist und welche Berechtigung ich eigentlich habe, diese Rolle zu spielen. Denn ursprünglich war die Idee der Autorin, dass sie den Text für Frauen geschrieben hat. Diese Debatten wurden im Probenprozess sehr kontrovers diskutiert und darüber wurde auch durchaus gestritten. Ich habe aber den Eindruck, dass sich diese ganzen Fragen in der Inszenierung wiederfinden. Die Frage, wer eigentlich was und wen genau spielt, ist inszenatorisch vom Regisseur gut gelöst worden. Auch, weil man den Prozess dahinter tatsächlich erkennen kann. Am Ende war die Autorin sogar froh über diese Besetzung. Denn dadurch haben sich neue Fragen eröffnet: Was bedeutet es zum Beispiel, wenn ein männlicher Körper diesen Text spielt?

Blog: Dass queeren Schauspieler:innen oft abgesprochen wird, heterosexuelle Figuren zu spielen, rührt ja vor allem daher, dass der Körper eines weißen, heterosexuellen, nichtbehinderten Cis-Menschens als die reinste Form einer Projektionsfläche für alle möglichen Charaktere gilt. Was hältst du von dieser Argumentation?

Til Schindler: Davon halte ich gar nichts. Wie kann es sein, dass ein heterosexueller Mann für seine Darstellung einer schwulen Figur ausgezeichnet wird und in der Begründung angeführt wird, dass das ja so außerordentlich mutig und toll sei? Aber andersherum wird einem als schwuler Schauspieler abgesprochen, man könne heterosexuelle Figuren nicht spielen, obwohl man in vielen Situationen seines Lebens eigentlich genau das tun musste: jemand Heterosexuelles zu spielen, bevor man selbst „out“ war. Das halte ich für grundlegend falsch.

Blog: Hast du in deinen bisherigen Engagements in Film und Theater selbst schon queere Charaktere verkörpern dürfen?

Til Schindler: Der Großteil der Rollen, die ich gespielt habe, war heterosexuell. Queere Figuren waren die absolute Ausnahme.

Blog: Wenn ich mal so spontan nachdenke, fallen mir gerade einmal vier Produktionen ein, die ich bisher gesehen habe und die eine queere Thematik oder LGBT-Protagonist:innen hatten: „Das Gesetz der Schwerkraft“ von Olivier Sylvestre am Jungen Staatstheater Kassel, „Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel am Jungen Schauspiel Düsseldorf, „Small Town Boy“ von Falk Richter am Maxim Gorki Theater in Berlin und „ugly duckling“ von Bastian Kraft und Ensemble am Deutschen Theater Berlin.

Til Schindler: „Small Town Boy“ habe ich auch gesehen, aber darüber hinaus würde mir tatsächlich kein weiteres Stück einfallen.

Blog: Woran mag das liegen, dass diese Geschichten und Figuren den Weg auf deutschsprachige Bühnen einfach nicht finden?

Til Schindler: Mein persönlicher Eindruck ist, dass es im Vergleich zum Film im Theater ohnehin nur sehr wenig queere Stoffe oder Figuren gibt – sowohl im Kanon der Klassiker als auch in der zeitgenössischen Dramatik. Und weil Queerness weiterhin nur als ein Randthema wahrgenommen wird, wird es selten thematisiert und folglich gibt es auch keine wirkliche Repräsentation und Sichtbarkeit. Das hat auch mit einer kapitalistischen Verwertungslogik und ökonomischen Interessen zu tun: Nischenthemen verkaufen sich einfach nicht so gut. Denn auch wenn man oft so tut, als stünde Theater außerhalb der Verhältnisse: Es ist Teil der Kulturindustrie, wo Kunst warenförmig wird.

Blog: Haben dir in deiner Jugend schwule Vorbilder gefehlt? Zu sehen, dass man überhaupt Schauspieler und schwul zugleich sein kann?

Til Schindler: Ja, auf jeden Fall. Als ich angefangen habe als Jugendlicher zu spielen, gab es kaum geoutete schwule Schauspieler – erst recht keine jungen. Dass solche Vorbilder aber immens wichtig sind, sieht man auch an den Reaktionen, die wir auf #ActOut bekommen: Viele junge Menschen schreiben uns, dass unsere Aktion für sie wahnsinnig wichtig gewesen sei und sie es toll finden, jetzt Vorbilder zu haben. Einige fühlten sich durch uns auch zum eigenen Coming-Out ermutigt. Ein:e offen queere:r Schauspieler:in sein zu können und sich nicht verstecken zu müssen, liegt in der öffentlichen Wahrnehmung jetzt im Bereich des Möglichen.

Blog: Auf deinen Social-Media-Kanälen und in Interviews äußerst du dich gerne zu politischen Inhalten und schreckst auch nicht davor zurück, konkret Stellung zu beziehen. Warum ist dir das wichtig?

Til Schindler: Ich habe bereits mit 17 Jahren angefangen, mich in verschiedenen politischen Gruppen zu engagieren. Daher äußere ich mich zu diesen Themen gerne auch öffentlich, weil ich es wichtig finde, das vor allem in diesen Zeiten zu tun. Und diese Themen sind durch die Liberalisierung unserer Gesellschaft auch einfach im öffentlichen Diskurs präsenter. Gleichzeitig muss man aber auch sagen, dass neben der Liberalisierung auch ein Rollback stattfindet: Viele gesellschaftliche Kräfte, die queerfeindlich sind, erstarken gerade, und werten queere Menschen öffentlich ab und verurteilen sie. Zwar ist die Schauspielbranche diesbezüglich relativ liberal, aber das lässt sich nicht losgelöst von der gesamtgesellschaftlichen Situation betrachten.

Blog: Wie sieht deine ideale Vorstellung von Theater im Umgang mit Queerness aus?

Til Schindler: Ich wünsche mir, dass es irgendwann eine Selbstverständlichkeit und Gleichwertigkeit für verschiedene Geschichten und Narrative gibt. Dass Queerness kein Randthema mehr ist und eine Berechtigung hat, auch in großen Theaterproduktionen erzählt zu werden. Und dass es Diversität in allen personellen Ebenen gibt. Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg und müssen da jetzt konsequent am Ball bleiben und bloß nicht aufhören und sagen: „Jetzt haben wir alles erreicht“. Weil das definitiv nicht der Fall ist.

 

Til Schindler wurde 1993 in München geboren und ist Theater- und Filmschauspieler. Seit 2019 ist er Ensemblemitglied am Schauspielhaus Wien und u.a. in der zu den 46. Mülheimer Theatertagen eingeladenen Produktion „Tragödienbastard“ zu sehen. Außerdem entwickelt er eigene Projekte als Autor und Regisseur.

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