+++ Herzlichen Glückwunsch an Ewe Benbenek und Nino Haratischwili
Die Stücke 2022 finden vom 7.–28.5.2022 statt. +++

Das Knistern der Gedanken

Der StückeBlog

Ein Team aus 6 Blogger:innen begleitet auch in diesem Jahr das Festival von der ersten Inszenierung bis zur letzten Jurydebatte mit täglich neuen Beiträgen.


Vorurteile eingebrannt.

In den Kopf meiner Eltern

bis hin in meine Gedanken.

Ich lese und lese,

um aufzuholen,

was ich nicht verstehe.

 

Und ich schreibe

und verbrenne Zeilen.

Meine eigenen.

Schlechte Versuche

in Worte zu fassen,

was ich nicht verstehe.

Ich, die niemals

Bücher brennen sehen wollte.

 

Mein Vater ist enttäuscht,

weil ich die Jahreszahlen

nicht kenne.

Ich weiß nicht,

wann was ist,

was wann war.

 

Die Jahreszahlen

verschwimmen.

Ich kann nichts einordnen.

Nicht zuhören.

Nicht klar sagen,

das ist dann

und da passiert.

Ich kann nicht mal

das Jahrhundert

bestimmen.

 

Ich blicke hoch

in das Gesicht,

das so viel zu erzählen hat.

Von früher

und von heute,

von den Zusammenhängen.

 

Der so viel gemacht hat.

Auf den Straßen war

für das Klima

und gegen die Ungerechtigkeit

und den Faschismus.

 

Der noch heute Gedenken organisiert.

Gedenkt.

Und mit Gedanken

in der Vergangenheit ruht.

Unruht.

Was heute so passiert,

ist ein bisschen fremd

und er will sich nicht verschließen,

aber.

 

Jetzt schüttet er sich zu

mit Worten von damals.

Rennt der Aufarbeitung hinterher

und stößt dabei

Papierstapel um

aber keine Gedanken

mehr an.

Vergangenheit in Kisten

konserviert. Kisten,

die den Weg versperren.

 

Die eine Generation

blickt die andere an.

Versucht ihre Gedanken zu lesen

und ihnen den Zutritt in die eigenen

zu verwehren.

 

Das war doch damals.

Das ist doch naiv zu glauben.

Spätestens jetzt muss man

intersektional denken.

Und wozu all diese Begriffe?

Es wird doch nicht besser,

nur weil man es benennt.

Man muss doch

die Betroffenen sprechen lassen.

Hör doch einfach mal zu!

Natürlich ist es wichtig

zuzuhören. Den Betroffenen.

Aber ich muss doch auch

meine Meinung dazu sagen dürfen.

 

All das hatten wir schon.

All das schweigt jetzt beim Essen.

Nur das Knistern der Gedanken,

Rauch des Unausgesprochenen

zischt aus den Mundwinkeln.

 

Von Marlen Stuka

Weitere Beiträge

30.05.2021
Marvin Wittiber
Autorin Ewe Benbenek erhält den Mülheimer Dramatikpreis 2021. Welches Signal sendet die Preisjury damit in die deutschsprachige Theaterlandschaft? Ein Kommentar unseres Autors Marvin Wittiber.
29.05.2021
Hanna Bartels
KLACK KLACK BÄM haben die Szenischen Forscher:innen der Ruhr-Uni Bochum ihre Arbeit zu Ewe Benbeneks "Tragödienbastard" betitelt. Im Interview erzählen sie von der unsicheren Bodenaneignung auf hohen Schuhen. ... weiterlesen
29.05.2021
Toby Stöttner
Unsere Bloggerin Clara Werdin hat während des Festivals gezeichnet – für Interviews, Kolumnen, Podcasts und die nominierten Stücke. Im Video haben wir Clara beim Zeichnen festgehalten und alle ihre Motive gesammelt. ... weiterlesen