Zeitstück IV

Planung und Abweichung

Ein bisschen Zeit, ein Stück Mülheim: Was die Blogger*innen am Rande des Festivals beobachten, präsentieren wir im Zeitstück. Bloggerin Emily Messing diagnostiziert eine Analogie von Theaterbesuchen und Zugfahrten.

Foto: Anton Vichrov

Der RE1 von Aachen nach Hamm fährt knapp drei Stunden, hält an 27 Stationen und hat Sitzplätze für 735 Passagiere. Wer diesen Zug betritt, begibt sich in eine bestimmte Situation, nämlich die, zusammen mit anderen Menschen in einem geschlossenen Raum Zeit zu verbringen. In diesem Raum haben alle die gleiche Intention: Sie wollen irgendwo ankommen. Und sie begeben sich in einen Raum, in dem bestimmte Konventionen herrschen, da nimmt man zum Beispiel Rücksicht auf andere Passagiere, telefoniert nicht lautstark, hört keine laute Musik. Jeder Zug hat seinen festen Fahrplan, Ziele, die er ansteuern muss, damit Passagiere ein- und aussteigen können. Auf dem Weg können jederzeit unvorhergesehene Ereignisse auftreten, die den Fahrplan durcheinander werfen – die Verspätungsrate der Deutschen Bahn ist sehr hoch. Diese Ereignisse beeinflussen Passagiere auf unterschiedlichste Weise. Es gibt diejenigen, die sich darüber ärgern, diejenigen, die sich damit abfinden, diejenigen, die sich darüber freuen (manchmal hat eine Verspätung auch etwas Gutes) und diejenigen, die es schon gewohnt sind.

Wer einen Theatersaal betritt, begibt man sich in eine bestimmte Situation, nämlich die, zusammen mit anderen Menschen in einem meist geschlossenen Raum Zeit zu verbringen. Alle haben das gleiche Ziel – eine Inszenierung zu sehen. Für den Zeitraum einer Inszenierung folgen die Zuschauer den Konventionen des Theaters, wie zum Beispiel die anderen Zuschauer nicht zu stören oder am Ende zu applaudieren. Jedes Stück hat seinen ganz spezifischen Fahrplan, ein Gerüst auf dem es aufbaut. Das kann ein Stücktext sein, wie bei einer Shakespeare-Inszenierung, oder eine Idee, auf der eine Performance aufbaut. Dieser Fahrplan wird im Verlauf der Probenzeit angepasst, umgeschrieben und mit einer Regiehandschrift versehen. Nach diesem Fahrplan richtet sich die Inszenierung, es muss jedoch stets mit außerplanmäßigen Abweichungen gerechnet werden. Sie passieren, nicht zuletzt durch die Zuschauer und ihre Reaktion. Es gibt diejenigen, die sich über eine Inszenierung ärgern und den Saal vorzeitig verlassen, diejenigen, die sich mit der Inszenierung abfinden, und diejenigen, die sich für die Inszenierung begeistern.

Planung und Abweichung – das sind Charakteristika der Bahnfahrt. Und des Theaters.