Publikumsgespräch

Zwischen Genialität und Glitch

Die Namensschilder stehen heute besonders dicht beieinander. Kein Wunder, denn neben Clemens J. Setz haben neun Ensemble-Mitglieder des Stuttgarter Schauspiels auf dem Podium Platz genommen. Trotzdem dominiert der Autor des Stücks die Diskussion und macht das Publikumsgespräch für Blog-Autorin Melis Içten damit spannender als die Inszenierung.

Publikumsgespräch mit Clemens Setz. / Foto: Anton Vichrov

Der Autor Clemens J. Setz sitzt in der Mitte des Podiums und schaut schüchtern auf den Tisch. Setz trägt ein dunkles Hemd unter einer dunklen Jacke, darunter eine Hose im Camouflage-Muster, die wirkt als wäre sie vor 20 Jahren modern gewesen, und unauffällige Sportschuhe. Immer wieder streicht er sich seine dunklen Haare aus dem Gesicht.

„Abweichungen müssen ja immer von etwas abweichen, um Abweichungen zu sein. Inwiefern weichen Ihre Abweichungen ab?“ fragt Moderator Sven Ricklefs. Die konfuse Antwort des Autors lässt deutliche Fragezeichen in den Gesichtern des Publikums erkennen. In Ricklefs professionell neutraler Mimik sind diese Fragezeichen nur zu erahnen. Setz‘ Antwort ist eine Zusammensetzung aus der Suche nach den richtigen Worten, kleinen Denkpausen, Satzanfängen und einer ruhigen Stimme, die neugierig auf den Autoren macht. In der Hoffnung auf eine eindeutigere Antwort fragt Ricklefs diesmal nach den Abweichungen innerhalb des Stücks. Es folgt ein unbeholfenes Geständnis: „Ich bin so schlecht in diesem allgemeinen Sprechen über diese Dinge“. Viele müssen schmunzeln.

„Junge Menschen kriegen viel zu selten Kinder.“

Schmunzeln, das müssen die Zuschauer*innen immer öfter während der Publikumsdiskussion; Setz macht sich durch seine bescheidenen und ehrlichen Ansichten schnell beliebt. Der Dramatiker drückt immer mal wieder die ein oder andere Sehnsucht aus: „Autoren und Autorinnen werden, glaube ich, immer unwichtiger“, erwidert Setz auf die Frage eines Zuschauers, ob er damit rechne, dass nach seinem Tod seine Facebook-Chats vielleicht gelesen werden. „Ich finde junge Menschen kriegen viel zu selten Kinder“, wirft er plötzlich ein, als Sven Ricklefs die jungen Charaktere in seinem Stück anspricht. „Ich bedaure das… Das ist bei mir z.B. auch so, dass ich keine Kinder habe. Ich mein, so wird das doch nie was!“ fügt der junge Autor hinzu und offenbart damit ohne jegliche Bedenken seine innersten Gedanken. 

Setz erklärt das Phänomen der Abweichungen seines Stücks im Kontext der poetisch-absurden Welt der „Glitches“ – unabsichtlich eingebauter Fehler im Code eines Computerspiels. Die Vorstellung, dass Abweichungen innerhalb durchcodierter Lebensläufe so irritieren können, drückt für ihn die Absurdität des Lebens perfekt aus. Sein potentieller „Lieblingsglitch“ basiert auf einer Idee von Norman Mailer: Was, wenn Neil Armstrong bei seinem ersten Schritt auf den Mond verpufft wäre? Damit „wären alle Komödien der Erde hinfällig“. Setz‘ Absurdität und Fantasie scheinen fast so, als würden sie seine Realität viel bunter machen.

Abweichungen in der Ideenfindung

Die Idee zum Stück kam Setz nach mehreren Unterhaltungen via Facebook-Chat mit einer guten Freundin und Malerin, die auch als Reinigungskraft tätig ist. Zwischendurch habe sie ihm erzählt, wie unausstehlich einige ihrer Auftraggeber seien und wie gerne sie deren Sachen manchmal wegschmeißen würde. Setz‘ Aufforderung, sie solle doch ihre Eindrücke aus den Wohnungen künstlerisch in Form von Miniaturen bearbeiten, löst bei der Malerin Entsetzen aus. Ihre Arbeitswelt durch Kunst zu erschließen, „würde sie umbringen“.

Neben Setz‘ Genialität und seinen lustigen, doch ernstgemeinten Prophezeiungen zum Thema Wohnen in der Zukunft, wird das Publikumsgespräch zu einem erstaunlich inspirierenden Abend, der die Zuhörer*innen mit der Frage über die eigene Lieblings-Abweichung im Leben zurücklässt.