KinderStücke

Wortwitz gegen die Trauer

In Die größte Gemeinheit der Welt bereitet Dirk Laucke ernste Themen wie Trauer und Tod kindgerecht auf, ohne bloß zu bedrücken. Bloggerin Julia van Leuven sah die Düsseldorfer Inszenierung und war beeindruckt von fantasievoller Sprache und Filmeffekten, besonders aber von einer Heldin, die den Gemeinheiten des Alltags die Stirn bietet.

Szenenfoto "Die größte Gemeinheit der Welt". / Foto: David Baltzer

Atmen. Ein, aus. Plötzlich laute Musik. Die Bühne? Eine Rampe in Form eines Straßenabschnitts. Die Protagonisten befinden sich sinnbildlich noch immer auf der Straße, auf der David, Tillas großer Bruder, zwei Jahre zuvor von einem Auto überfahren wurde. Nicht sein Tod ist das zentrale Thema des Stücks von Dirk Laucke, sondern der Umgang seiner Familie mit diesem Schicksalsschlag. Allen gemeinsam ist die Flucht vor der Auseinandersetzung: in die Arbeit, in einen neuen Lebensstil oder eine Fantasiewelt. 

Tilla liegt zu Beginn der Inszenierung in ihrem Bett auf dieser Straße und kämpft im Traum als Riot Girl an der Seite von Captain Resistance gegen Doc Dark und die Armada Armageddon. Diese actionreichen Traum-Kämpfe hat Regisseur Christoph Seeger-Zurmühlen wie Filmsequenzen inszeniert, begleitet von zahlreichen Special Effects, fetzig-spaciger Musik, kreativem Sounddesign, das an die Vertonung von Comic-Ausrufen (Whoosh! Pow!) erinnert, und knalligen Lichteffekten. Im Hintergrund hängen sie alle lebensgroß an der Wand, die Film-Superhelden Batman, Captain America und Superman, genauso wie Tillas Fantasiehelden Captain Resistance und Riot Girl (sie selbst). Die zu bekämpfenden Bösewichte, die mit Riesenhammer, Stromschlägen und Schwertern anrücken, komplettieren mit fantasievollen Kostümen das Bühnenbild (Kirsten Dephoff). 

Von Terrorpeuten und Ziegenbocksprüngen

Wesentlich für Stück und Inszenierung ist der spielerische Umgang mit Sprache. Missverständnisse von Seiten Mias machen aus dem Therapeuten einen „Terrorpeuten“, aus Totenhausen die Toten Hosen und aus Schicksalsschlägen „schicke Salzschläge“. Und Tilla erfindet Wörter wie „Kuchensohn“ und „Mixer“ als Alternative zu ihren sonstigen Schimpfwörtern. Diese Art der Sprache sorgt immer wieder für eine aufgelockerte Stimmung und Erheiterung im Publikum, ebenso wie der Dialekt des Sportlehrers, der die „görberlische Erdüchdijung“ der Kinder fördern will und in dessen Sportunterricht sich Tilla beim „Bockspringen“ – übrigens im wörtlichen Sinne über einen Ziegenbock – ein Bein bricht. Die Jugendsprache beziehungsweise der Soziolekt, in dem Tilla mit ihrem Freund Yakup kommuniziert („krasse Niceness“), wird durch Klassenstreber Fonso karikiert: Er beherrscht sie nicht, versucht jedoch krampfhaft, sie sich anzueignen, was ihn unfreiwillig komisch wirken lässt und gleichzeitig zeigt, wie wichtig Sprache für die soziale Zugehörigkeit von Kindern ist. 

Zentral in der Düsseldorfer Inszenierung ist auch ein Kommunikationsproblem der Eltern Tillas, die sich durch ihr Verhalten selbst parodieren. Da ist die überarbeitete, stets fluchende Mutter, die sich wundert, warum ihre fünfjährige Tochter redet „wie ein besoffener Trockenbauer“. Und der Leinsamen und Yoga liebende Vater, Impfgegner und von Beruf ironischerweise Thera-, pardon, Terrorpeut. Keiner der beiden vermag es, über den Tod des Sohnes zu reden – der sei ja nur „umgezogen“. Der jüngsten Tochter Mimi wird das Thema Tod nicht zugetraut, während bezeichnenderweise Tilla – selbst ein Kind – die Einzige ist, die die Wahrheit aussprechen kann.

Wo liegt denn Totenhausen?

Alessa Kordeck brilliert in ihrer Rolle als Tilla: eine starke Persönlichkeit, deren vordergründige Wut eine tiefe Verzweiflung darüber ausdrückt, dass der „Elefant im Raum“ von ihren Eltern totgeschwiegen wird. Kordecks Tilla ist laut, genervt, distanziert. Und eiskalt, wenn sie ihrer Schwester sagt, sie solle mit David tauschen. Kordeck gelingt es, ein verbissen ernstes, bewusst verletzendes und unbewusst verletzliches Kind zu spielen, das doch von allen Protagonisten am wenigsten kindlich ist.

Maëlle Giovanetti stellt als kleine Schwester Mimi deren trotzig-kindliche Naivität authentisch dar und ist nicht nur im viel zu großen Schlabberpulli verloren, sondern auch in ihrer ernsthaften Suche nach „Totenhausen“, eine Suche, die zugleich lustig und bitter wirkt. Das Kind nimmt man der Darstellerin in jeder Sekunde ab – nicht zuletzt durch ihre extrem kindliche Sprechweise.  

Lauckes Stück ist kein Lehrstück. Es besticht vor allem durch seine ehrliche Darstellung familiärer Probleme aus der Sicht eines Kindes, das ernst genommen werden will. Christoph Seeger-Zurmühlen gelingt in seiner kurzweiligen Inszenierung ein bemerkenswerter Spagat: Situationskomik und Wortwitz stehen hier nicht im Widerspruch zu bedrückender Trauer und Sprachlosigkeit, sondern bedingen diese vielmehr. Gerade die intelligente Verschmelzung ernster und humoristischer Szenen ist es, die das Thema des Stückes von Dirk Laucke ergreifend umsetzt und ihm eine außergewöhnliche Tiefe verleiht.