Zeitstück V

Herzklab-klab-klabaster

Ein bisschen Zeit, ein Stück Mülheim: Was die Blogger*innen am Rande des Festivals beobachten, präsentieren wir im Zeitstück. Die Inszenierung von Wolfram Hölls Disko liegt schon zwei Wochen zurück. Julia van Leuvens Herz rast aber immer noch. 

Plakatausschnitt "Disko" des Schauspiel Leipzig. / Foto: Antonia Stiegemann

Warnung der Autorin: Personen mit Herzrhythmusstörungen und sonstigen Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden gebeten, folgenden Text nicht zu lesen. Er kann als unangenehm empfunden werden und Stress auslösen. Dieser Artikel verkürzt Ihr Leben potenziell um mehr als die paar Minuten, die es braucht, ihn zu lesen. Consider yourself warned. 

Bums. Meine Nackenhaare stellen sich auf. Tschick. Gänsehaut. La. La. La. Immer schneller. Herzrasen, spätestens jetzt. Wie lange dauert diese Inszenierung nochmal? Bums. Tschick. Eine Stunde 15 Minuten. Schon nervös? Bums. Tschick. Ich schaue mich im Publikumsraum um. Und bin erstaunt: Das Publikum scheint gebannt, positiv gespannt auf die Inszenierung. Bums. Tschick. Ich schaue wieder nach vorn. Geräusche ausblenden, auf das Geschehen auf der Bühne achten. Bums. Tschick. Es gibt so etwas wie Dialoge, Gespräche, Inhalt. Bums. Tschick. Die Festung Europa als Disko, der Türsteher ein alter weißer Mann. Sogar weiß gekleidet. Bums. Tschick. Kann man das irgendwie ausblenden? Auf Bewegung achten, sehen! Die Schauspieler marschieren auf Laufbändern. Tack, tack, tack. Bums. Tschick. Nicht hilfreich. 

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Bums. Tschick. Wann hört das endlich auf? Hat jemand Ohrstöpsel? Bums. Tschick. In der Zwischenzeit hat eine Frau den Theatersaal verlassen. Eine Gleichgesinnte. Bums. Tschick. Fühle mich wie der Psycho in Edgar Allan Poes The Tell-Tale Heart: „I heard all things in the heaven and in the earth. I heard many things in hell. How, then, am I mad?“ Bums. Tschick. Werde wirklich langsam verrückt. Ich schrumpfe in meinem Sitz. Wünsche mir spontane Taubheit. Lass es aufhören. Bums. Tschick. Nö, es hört nicht auf. Wie lange noch? Warum stehe ich nicht einfach auf?

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Ich füge mich in mein Schicksal. Es wird ein Leben danach geben. Bums. Tschick. Wahrscheinlich um zwei Jahre verkürzt, durch den körperlichen Stress. Unbehagen. Herzrasen. Zittern. Bums. Tschick. Gestohlene Lebenszeit. Keine Sekunde kommt zurück, YOLO. Bums. Tschick. Bums. Tschick. Bums. Tschick. Applaus. APPLAUS?! Das Publikum um mich herum ist begeistert. Ich komme wieder zu mir: eine Stunde und fünfzehn Minuten sind vergangen.

Jubelrufe. Nicht nur aus dem Publikum, sondern auch aus meinem Herzen, das sich endlich wieder beruhigen kann. How, then, am I mad?