Zeitstück II

Beulen am Jetzt

Ein bisschen Zeit, ein Stück Mülheim: Was die Blogger*innen am Rande des Festivals beobachten, präsentieren wir im Zeitstück. Blog-Autorin Clara Werdin sinniert über das Wesen der Zeit.

Foto: Anton Vichrov

 „Zeitstück“ das klingt wie „Geldstück“ und Zeit ist ja bekanntlich Geld. So ganz glaube ich aber nicht daran. Dagobert Duck, der superreiche Großonkel von Tick, Trick und Track, badet regelmäßig in einem Pool voller Goldstücke. Aber „wissen Sie, was passieren würde, wenn man einen Kopfsprung in einen Haufen Goldmünzen machen würde? Das ist eine solide Metallplatte im Prinzip. Das wäre der letzte Kopfsprung, den man je macht.“ (Konstantin Küspert) Einen Kopfsprung in ein Becken voll Zeit stelle ich mir deutlich angenehmer vor. Augen zu und Köpper rein in all die Zeit vor meinen Füßen! Und dann erstmal tauchen, bis man sich an zu vielen Sekunden verschluckt oder vor lauter Zeit keine Luft mehr bekommt. 

Aber was, wenn Zeit gar nicht in ein Becken passt, in dem man selbst am tiefsten Punkt noch stehen kann?
Was, wenn Zeit ein ganzes Meer ist, vielleicht sogar alle Meere zusammen, ein einziger riesengroßer, wilder Ozean?
„Was, wenn alle Zeit an sich so frei wäre, dass es wehtut?“ (Thomas Köck)

Manchmal spaziert die Zeit.
Manchmal rennt die Zeit.
Manchmal knickt sie ausversehen um und humpelt ein bisschen, ganze Tage lang.
Manchmal sind da Beulen und blaue Flecken am Jetzt.
Manchmal habe ich das wirre Gefühl, die Zeit ist kaputt. 

Statt einem konstanten „Tick Tack Tick Tack“, ist es dann mucksmäuschenstill. Ich frage mich,
ob die Zeit noch existiert,
ob es sie überhaupt je gegeben hat,
ob es sie überhaupt geben könnte, wenn wir sie nicht benennen und in Sekunden, Minuten, Stunden einteilen würden. 

Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich wäre sie dann ein großes abstraktes Nichts, oder eben ein Meer ohne Küste und wir müssten schwimmen, schwimmen, schwimmen, bis wir in ihr untergehen. Deshalb muss man sich „eine Geschichte drüber erzählen, über diese nackte Gleichgültigkeit der Zeit“ (Thomas Köck), deshalb muss man sie in Abschnitte einteilen in Gestern und Heute und Morgen. Oder einen Swimmingpool bauen, in den man sie füllen kann. Selbst da ist sie nicht für immer sicher aufbewahrt, selbst da läuft sie früher oder später „aus den Fugen und versickert“ (Enis Maci). Aber wenigstens hätten wir dann alle das Seepferdchen bestanden und das wäre ja auch was wert, ein paar Goldmünzen vielleicht oder sogar, und das bleibt zu hoffen, ein ganzes, glänzendes Zeitstück.