Podiumsdiskussion

Katalysatoren für Dramatik

Was genau sind eigentlich "Überschreibungen" und wie gehen Übersetzer*innen mit Nachdichtungen um? Diesen und anderen Fragen ging die Podiumsdiskussion "Referenzräume - Erzählform und Übersetzung" im Rahmen der Übersetzerwerkstatt nach. Bloggerin Erika Walter lauschte dem Fachgespräch, das auch abschweifte und den Stellenwert deutscher Gegenwartsdramatik im Ausland ins Zentrum rückte.

Unter dem sich selbst kaum erklärenden Titel „Referenzräume – Erzählform und Übersetzung“ hatten die Mülheimer „Stücke“ und das Internationale Theaterinstitut (ITI) zur diesjährigen Podiumsdiskussion im Rahmen der Übersetzerwerkstatt eingeladen. Die Übersetzerwerkstatt findet in diesem Jahr vom 25. Mai bis zum 3. Juni statt und gab mit der Diskussion einen kleinen Einblick in ihre Arbeit. Leider sind nur wenig Zuhörer*innen ins Theater an der Ruhr gekommen. Die Übersetzer*innen blieben nahezu unter sich.

Inhalt der Diskussion sind die Arbeitsweise und mögliche Hürden bei Überschreibungen für Übersetzer*innen. Nach einer kleinen Umfrage ist allerdings klar: Niemand unter den Übersetzer*innen hat bisher selbst eine Überschreibung übersetzt. Also schweift die ausnahmslos aus Fachleuten bestehende Gesprächsrunde ab bis zur Abbildung des deutschen Theaters im Ausland und zu seinem intellektuellen Status.

Überschreibungen übersetzen

Moderatorin und Kulturjournalistin Sarah Heppekausen begann das Gespräch damit, die Teilnehmer*innen auf dem Podium um eine Beschreibung dieses „nicht leicht fassbaren“ Begriffs zu bitten. Friederike Emmerling, Lektorin beim S. Fischer Theater & Medien Verlag, führt Ewald Palmetshofers „Vor Sonnenaufgang“ als Beispiel an. Palmetshofers Stück ist klar auf Gerhart Hauptmanns realistisches Stück „Vor Sonnenaufgang“ zurückzuführen. Aber wo hört die Bearbeitung eines Stoffes auf und wo beginnt die Überschreibung? Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ biete die Grundlage, erklärt Emmerling. „Es ist aber tatsächlich auf dieser Basis ein völlig neues Stück entstanden“. Ewald Palmetshofer, beschreibt die Lektorin, erschaffe neue Figuren und verleihe dem Stück eine neue Sprache. Dadurch entstehe ein komplett neues Stück. Insofern sei der Unterschied zwischen einem herkömmlichen Stück der Gegenwartsdramatik und einer Überschreibung nicht groß.

Und auch bei der Übersetzung einer Überschreibung sei kein bedeutender Unterschied festzustellen. Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Barbara Christ erklärt, dass es zwar generell schwierig sei, für die Arbeit des Übersetzens Generalisierungen aufzustellen. Aber wie bei anderen Texten auch ergebe sich der Arbeitsprozess aus der jeweiligen Überschreibung, hänge also vom jeweiligen Text selbst ab.

Übersetzer als internationale Literaturagenten

Welche Stücke sie übersetzt, entscheidet Monika von Moldoványi de Goyeneche aus Chile beispielsweise danach, inwiefern sie in ihre eigene Kultur passen. Sie frage sich zunächst, was das Stück dem Ort bringe, für den es übersetzt wird. Durch eine Verbindung des Ortes ist auch die Regisseurin und diesjährige Stipendiatin der Übersetzerwerkstatt, Yena Gim aus Südkorea, an ihre eigene Überschreibung gekommen. Sie brachte die doch typisch deutsche Figur Münchhausen auf die südkoreanische Theaterbühne. Die Figur des Lügenbarons wählte sie aufgrund der politischen Situation in ihrem Heimatland. Zum Zeitpunkt der Präsidentschaft von Park Geun-hye sei unter der Bevölkerung ein starker Wunsch nach (politischer) Wahrheit entstanden. Münchhausen sei nun mal einer, der ständig bestätige, dass er die Wahrheit sage, woraus Yena Gim einen Running Gag für ihre Inszenierung kreierte.

Für Friederike Emmerling sind die Übersetzer*innen immer auch „Katalysatoren für Dramatik in ihren Ländern“ und gleichzeitig für die deutschen Verlage „ein starker Sensor für das, was dort am Theater passiert“. Auch Gergana Dimitrova aus Bulgarien verlagert die Aufgaben und damit die Wichtigkeit der Übersetzer*innen ebenfalls auf den Bereich der Vermittlung von Stücken. Die Arbeit des Übersetzers als Literaturagent ist laut Dimitrova nicht zu unterschätzen.

Angst vor deutscher Dramatik

Das Interesse und die Wahrnehmung deutscher Dramatik sind auf der ganzen Welt verschieden. In Bulgarien beispielsweise herrschten starke Vorurteile gegenüber deutscher Gegenwartsdramatik. Die Übersetzerin erzählt von Meinungen über deutsche Stücke, die von „viel zu ernst“ bis zu „immer sterben alle“ reichen. In Lettland sei es ähnlich. Man hat „Angst vor der deutschen Dramatik und ihrem Lehrauftrag“, erklärt Übersetzerin Inga Rozentāle-Peilloux. Dies gilt allerdings nur für die Gegenwartsdramatik. Deutsche Klassiker wie Goethe und Schiller werden auch in diesen Ländern gerne gespielt. Von der deutschen Gegenwartsdramatik seien viele Theatermacher*innen in Lettland aufgrund eines Missverständnisses abgeschreckt. Sie verwechselten die Dramatik mit dem Regietheater von beispielsweise Frank Castorf. Auch in Ägypten ist die Tradition des deutschen Theaters im Gewand von Dramatikern wie Goethe, Schiller und Brecht hoch angesehen, erklärt Nevine Fayek. Die Problematik des Gegenwartstheaters sei für das ägyptische Publikum jedoch zu weit entfernt, um auf den Theaterbühnen zu funktionieren.

Nur graue Haare in den Theatersälen

Das deutsche Gegenwartstheater erfreut sich allerdings in anderen Bereichen der Welt durchaus großer Popularität. Während der 1980er Jahre sei vor allem Brecht sehr beliebt gewesen in Kanada. Anstelle eigener Inszenierungen werden laut Michèle Laliberté allerdings zunehmend Gastspiele nach Kanada eingeladen. In Korea hingegen sei die Nachfrage nach deutschen Stücken, klassisch wie zeitgenössisch, sehr hoch. So erhält Übersetzerin Yena Gim regelmäßig Anfragen, deutsche Stücke vorzuschlagen und zu übersetzen. Dabei wünschen sich Theatermacher nicht einmal konkrete Autoren. „Hauptsache deutsch“, scherzt sie. Es herrscht die Ansicht vor: „Es ist aus Deutschland, also muss es gut sein.“

Auf sie und generell im Ausland wirke das deutsche Theater, als wäre es für Intellektuelle gemacht. Katrin Michaels, Dramaturgin am Theater Basel, prangert jedoch gerade diese Einstellung an, die sie auch beim deutschen Publikum findet. Alle meinten immer, alles verstehen zu müssen. Dabei müsse man genau das eben nicht. Im Gegenteil: Ein idealer Anspruch ans Theater sei der, dass das Theater alle mitnehmen kann. Eine Dame aus dem Plenum sieht in den deutschen Theatersälen und auch bei den Mülheimer Stücken tatsächlich nur „graue Haare“.

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