Publikumsgespräch

Dieser Text ist passiert

Wie Flüchtende vor ihrer Haustür in Passau Maria Milisavljevic den Anstoß zu ihrem Stück gegeben haben, wie befreiend das Schreiben einer Textfläche sein kann und warum die Proben für das Heidelberger Ensemble so anstrengend waren: Das und mehr gab es im Publikumsgespräch nach der ersten Inszenierung von „Beben“ zu erfahren. Eva Mainusch berichtet.

Dicht gedrängt sitzt das Heidelberger Ensemble auf dem Podest im Foyer des Theaters an der Ruhr. Moderator Vasco Boenisch grüßt mit langem Hals von hinter der Säule. Seine ersten Fragen richtet er an die Autorin. Zum Glück hat Maria Milisavljevic viel zu sagen, denn das Publikum hält sich bei diesem Gespräch mit Fragen oder Anmerkungen vornehm zurück, steuert bloß immer wieder vereinzelte Lacher oder Laute der Zustimmung bei. Als Boenisch das „sagenumwobene Mülheimer Publikum“ fragt, mit welchen Empfindungen es den Theatersaal verlassen habe, wird irgendwo leise Lob geäußert, dann übertönt von einem: „Verwirrung“. Und jemand anderes fügt „Irritation“ hinzu.

Zurück zur Autorin: Den Impuls für das Stück bekam Maria Milisavljevic durch ihren Umzug aus Kanada nach Passau, im Sommer 2015. Nahe der österreichischen Grenze lebend habe sie zwar gewusst, dass nur wenige Kilometer weit entfernt Leute auf der Autobahn liefen, doch wirklich verstanden habe sie es erst, als die Flüchtenden dann vor ihrem Haus gesessen hätten. Verlaufen. Während drinnen ihr Sohn in der Küche saß, Minecraft spielte und sich beschwerte, dass es schon wieder Nudeln zum Abendessen gebe. Diese Erfahrung habe sie damals vollkommen schockiert. Wie daraus dann ein Theaterstück entstanden sei? „Ich hab‘ mich tatsächlich an dem Abend hingesetzt und den Text geschrieben“, lautet die schlichte Antwort der Autorin. Deswegen sei der so assoziativ, er sei nicht genial erdacht worden, sondern passiert.

Befreiende Textflächen-Dramatik

Umso verwunderter zeigt sich die gebürtige Arnsbergerin über die positiven Reaktionen auf ihr Stück. Beim Heidelberger Stückemarkt 2016 beispielsweise wurde „Beben“ mit dem Autorenpreis ausgezeichnet. Erst im zweiten Schritt habe Milisavljevic gemeinsam mit der Lektorin gestrichen, gefeilt und versucht, Charaktere hinein zu schreiben. Das Schreiben einer Textfläche empfinde sie als sehr befreiend. Es könne sich dadurch eine spannende Verbindung von Inszenierung und Text ergeben, die der Verwirrung Raum lasse. Einmal selbst Regie führen? „Ich bin froh, wenn ich das nicht muss“.

Regisseur Erich Sidler habe nicht versucht, sich den Stücktext zu erschließen, sondern Entscheidungen zu treffen. Eine Frau, die mit einem toten Kind im Arm auf einen Soldaten zugeht –  das sei für ihn der Kern, von dem das Ensemble ausgegangen sei.

Die Autorin verweist auf neue Studien, die zeigen, dass die Realitäten virtueller Welten und der Welt, in der vor Krieg Flüchtende unsere Grenzen passieren, eben nicht auseinandergehalten werden können. Was die Inszenierung Sidlers Meinung nach deutlich zeige: Die Reduktion auf den Trigger, den Impuls, wonach wir unser Bewusstsein richten. Ob der aus dem Computerspiel komme oder aus der Tagesschau, sei letztendlich egal.

Körpertraining vor der Probe

Das Computerspiel ist eine der drei Ebenen, die in Milisavljevics Stück vorkommen. Die beiden anderen sind der Krieg und Ulro. Ulro – ein Ort, der durch reine Rationalität gestärkt werde. Laut Milisavljevic ein Platzhalter für die Dinge, die uns Angst machen – so wie die Bezugsproblematik der jungen Digital Natives zur Realität?

Um diese drei Ebenen zu verbinden, setzt die Inszenierung auf Körperlichkeit. Für die Schauspieler*innen scheint die Probezeit dadurch vor allem eins gewesen zu sein: anstrengend. Täglich mindestens eine Stunde mussten sie vor den Proben trainieren, damit der Text körperlich wird. Eine Arbeitsweise, die für die meisten neu war, aber gefiel. Der „wahnwitzige Choreograph“ (Valentí Rocamora i Torà) ist in Mülheim leider nicht anwesend.

Gerangel um Sätze habe es nicht gegeben, so Schauspielerin Nanette Waidmann. Sie lobt die Freiheiten des Textes, mit der sie gut arbeiten konnten: „Wir haben die Sätze anprobiert“. Die Kollegen Hendrik Richter und Dominik Lindhorst-Apfelthaler ergänzen, dass es Textpassagen gebe, die nicht fest zugeordnet wären. Sie variierten je nach Inszenierung, und das solle auch so sein. Einspruch des Regisseurs: Ganz so beliebig sei es nicht. Es gehe darum, dass man eine Geschichte entwickle. Ein Wort gebe das andere und zwar immer wieder neu. Und weil die Geschichte im Moment entstehe, bringe sie das Ensemble ungewöhnlich eng zusammen.

Realistisch oder utopisch?

Am Ende der Inszenierung kommt es zur Versöhnung zwischen dem Soldaten und der Mutter, deren Kind er erschossen hat. Das führt auch zur Wiederannäherung des Mannes auf der Kante von Ulro und seinem Bruder, dem Verlassenen. Diese Szene wird noch einmal aufgebrochen, was zu Meinungsverschiedenheiten führt. Sogar von Seiten der Zuschauer*innen. Erich Sidler ist der Ansicht, dass ein Happy End unrealistisch sei, so etwas gebe es auf der Welt nicht. Ulro sei eine Reflexion unseres Systems, aus dem man nicht einfach aussteigen könne. Die christliche Idee der Versöhnung sei zwar schön, beiße sich aber mit der Realität.

Eine Zuschauerin widerspricht: Für sie sei es sowohl ein Happy End als auch die Realität gewesen. Unabhängig davon, was in Ulro gesagt werde oder zwischen den Brüdern geschehe. Denn sie befinde sich weder dort noch im Computerspiel – und auf dieser ihrer menschlichen Ebene sei es ein Happy End gewesen. Die Empfindung, mit der sie die Inszenierung verlassen habe? „Hoffnung“.

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