KinderStücke

Ballspielen in der Zeitbrezel

Warten – das kann eine ziemliche Herausforderung sein. Bei Simon Windisch erstreckt sich eine Viertelstunde glatt über 70 Minuten. In „Wie man die Zeit vertreibt“ erzählt der Autor vom kreativen Kampf gegen die Langeweile, wenn die Minuten einfach nicht vergehen wollen. Bloggerin Eva Mainusch hat sich mit auf eine Reise durch Zeit und Raum begeben.

Es ist dunkel im Zuschauerraum, auf der Bühne spendet eine einzelne Glühbirne schwaches Licht. Es gibt aber auch nicht viel zu sehen. Nur grauen Teppichboden, eine graue Teppichwand und davor Claudia (Constanze Rückert), in ihrem gestreiften Lieblingsschlafanzug, die uns erklärt, weshalb sie dort wartet. „Hallo“, beginnt sie. „Ich bin Claudia 8. Also ich bin 8 Jahre alt“, was das junge Publikum direkt als Lüge enttarnt.

Doch die jungen Zuschauer*innen sind nicht nachtragend. Im Gegenteil – das Ensemble vom Theater an der Rott schafft es unter Regieführung des Autors Simon Windisch, die Kinder bereits zu Beginn abzuholen und entlockt ihnen bis zum Ende viele Lacher, gut gemeinte Ratschläge an die Figuren, Schreie und immer wieder aufmerksame Stille. Das Stück „Wie man die Zeit vertreibt“ handelt vom Kampf gegen die Langeweile, wenn man warten muss, und dieser Kampf wird hier ganz klar gewonnen.

Ein Loch in der Wand

Es ist 8.45 Uhr, wie die große erleuchtete Uhr verkündet. Aus dem Off der Küche sind Mama, Papa und Oma zu hören, doch erst um 9.00 Uhr darf Claudia zu ihnen herein. Sie weiß nicht warum, aber bitten hilft nicht. Und die Zeit will einfach nicht vergehen. Schließlich starrt das Mädchen so konzentriert an die Wand, dass dort eine Öffnung auftaucht und sich schnell als Portal entpuppt. Daraus hervor kommen drei weitere Claudias im gestreiften Lieblingsschlafanzug. Plötzlich ist Claudia blond (Johanna Martin), hat einen dunklen Bart (Max Gnant) und gleichzeitig einen blonden Bart (Martin Puhl). Es herrscht einige Verwirrung, wer denn nun Claudia ist. Und wo befindet sich Claudia überhaupt? In einem Zeitloch, einer Zeitschlaufe oder doch in einer Zeitbrezel?

Schnell erkennen sich die vier als verschiedene Charakterzüge derselben Claudia und amüsieren sich köstlich miteinander. Ein paar Bälle reichen, um zu zeigen, wie viel mehr Spaß gemeinsames Spielen macht. Trotz banaler Ausdrucksweise wirkt die dynamische Überschwänglichkeit der Schauspieler nicht albern, sondern überzeugt mit kindlich gespielter Begeisterung und einer gewissen Ernsthaftigkeit gegenüber dem Spiel. Das von Leonie Reese gestaltete schlicht-graue Bühnenbild bietet dafür viel Raum. Ein paar Bälle und Teppichflusen reichen den Schauspieler*innen aus. Musik und Beleuchtung ergänzen Stimmung und Geschwindigkeit des Bühnengeschehens auf effektive Weise. So entsteht ein Wechsel von fröhlich-spielerischen Szenen, in denen bunte Scheinwerfer tanzen, ernsten Momenten im Dämmerlicht und beinah mystisch anmutender Faszination, wenn im Schwarzlicht der Zeitbrezel die Wände glitzern und die Schlafanzüge leuchten.

Fantasie zum Anfassen

Als Claudia, Claudia und Claudia wieder im Loch verschwinden, erinnert die sprechende Uhr die übriggebliebene Claudia schmerzlich daran, dass es noch immer 8.45 Uhr ist. Aus ihrem Beschluss, sich nie wieder zu bewegen, wird erneut nichts. Bäuchlings auf dem Boden liegend, landet Claudia im Teppich und begegnet seltsamen Teppichwesen – Flusen oder Monster?

Die neue Freundin Jaja wird direkt zum Publikumsliebling, weniger die große schwarze Fliege, die plötzlich durch die Saaltür hereinkommt und sich über die Stuhlreihen bis zur Bühne vorsummt. Glücklicherweise besiegen Erzählerclaudia, Rückblendeclaudia und der Flusensoldat aus dem Teppich die Fliege und das erschrockene Publikum kann sich beruhigen. Die Fliege bringt aber nicht nur Schreie, Ekel und Lacher mit sich, sondern auch die Erinnerung an die Küche und das Warten. Erfolgreich wird wieder Ernsthaftigkeit aufgebaut, als eine einzelne Claudia traurig den Stimmen aus dem Off lauscht.

Waffeln, Waffeln!

Die große Uhr lacht Claudia aus und verspottet sie. Doch tanzend und schreiend springen ihr ihre neuen Freunde zur Seite, bis die Uhr mit einem Knall herunterfällt. Das Ziffernblatt zeigt nun zur Wand, die Zeiger liegen auf dem Boden. Endlich ruft die Mutter aus der Küche – es ist 9 Uhr.

Das Loch in der Wand wird zur geöffneten Küchentür und hervor kommen Luftballons, Mama, Papa und Oma. Ein Klavier und ein Tisch mit Waffeleisen werden auf die Bühne gerollt und endlich kommt auch die Erkenntnis: Claudia hat Geburtstag! Und am Geburtstag werden Waffeln gebacken! Den Figuren einen Schritt voraus, haben die feinen Nasen der aufgeregten Zuschauer*innen das schon längst vorher erkannt und so ertönt neben wohlverdientem Applaus und Füßestampfen nun ein lautes Rufen nach Zugabe und „Waffeln, Waffeln“.

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