Kritik

Spiegelfantasie

In Clemens J. Setz‘ erstem Theatertext „Vereinte Nationen“ geht es um die Inszenierung und Darstellung einer vorgegebenen Wirklichkeit. Tim Egloff hat das Stück am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt und eröffnet in seiner Version neue Perspektiven.

Der dicken Hummel auf der Bühnenleinwand der geht’s gut. Die hat keine Sorgen, die hüpft von Blüte zu Blüte und lässt es sich noch gut gehen. So frei und unbeschwert ist die kleine süße Maus Martina leider nicht. Sie wird von ihren Eltern Anton und Karin benutzt, ist Protagonistin in kleinen Filmchen, die groß gehandelt werden, von Antons Freund Oskar vermarktet. Das Perfide daran: die kleine süße Maus weiß nicht, dass sie gefilmt wird. Die Szenen, die Zuhause gedreht werden, sind strenge Erziehungsmaßnahmen, Machtspielchen oder bloße Überwachungen aus dem Kinderzimmer.

Autor Clemens J. Setz hat die Geschichte um den wahren Fall einer Klavierlehrerin zu seinem Stück inspiriert. Diese soll um die Jahrhundertwende herum in einem Haus in Wien die an ihren Unterrichtssaal angrenzenden Zimmer vermietet haben, sodass Fremde ihrem strengen Unterricht zusehen konnten. Sie hätten großen Gefallen daran gefunden. Man sieht, dass der Voyeurismus nicht erst mit der Erfindung von Youtube kam und die Menschen schon immer seltsame Wesen waren.

Die Welt ist eine Scheibe

In der Fantasie von Regisseur Tim Egloff nun ist die Welt dieser kleinen Familie eine Scheibe, auf der ihr Häuslein steht, mit Badezimmer, Schlafzimmer und Küche ausgestattet. Bühnen- und Kostümbilderin Thea Hoffmann-Axthelm hat einen wunderbaren, sich drehenden Wohnklotz gebaut, der vielleicht an das Wiener Haus der Klavierlehrerin angelehnt ist, auf jeden Fall aber das zeitgenössische, virtuelle Leben aufgreift. Jeder private Raum ist hier offengelegt, nichts mehr geschützt, alles von jeder Seite einsehbar. Auch die Kindheit von Martina, der kleinen süßen Maus, gespielt von der kleinen blonden Holly Bratek oder der kleinen und ebenso blonden Nina Gamet. Einige der Überwachungsszenen werden auf die Leinwand projiziert, die sich aus den Jalousien an der einen Seite des Würfels entfaltet. Noch eine Anspielung mehr auf die Verschmelzung von Privatem und Öffentlichem. Das, was innen gedreht wird, dringt sofort nach außen zum Zuschauer. Und der ist ja leider der Böse in der gesamten Geschichte, weil er diese Szenen verlangt, konsumiert und genießt. Er treibt die Maschinerie an, diese Bestrafungsfilmchen weiter zu produzieren. „Nur neun Filme im ganzen letzten Jahr. Ist natürlich auch eine schwierige Kategorie“, sagt der nerdige Oskar. „Aber trotzdem. Die Anfragen in dem Bereich sind sehr hoch.“ Und somit versklaven die Eltern nicht nur ihr Kind, sondern auch sich selbst für die große Industrie der Scripted Reality. Des guten Geldes wegen, denn das zieht immer. So funktionieren eben Märkte und so entsteht das aktuelle Film-, Fernseh- und Youtubeprogramm, sowieso Kunst im Großen und Ganzen.

Tim Egloff bleibt mit seiner Inszenierung traditionell, das ist keinesfalls schlecht, sondern lässt sehr viel Raum für Interpretation. Das Mannheimer Ensemble – Anne-Marie Lux, Julia Duda, David Lau und David Müller – spielt äußerst reduziert und nebeneinander her und geht somit vielleicht auf die Debatte der (Un-)Natürlichkeit im Schauspiel ein, die in „Vereinte Nationen“ verhandelt wird. Die wuchtigen Charaktere kommen nicht zum Vorschein, was eigentlich nicht weiter stört. Doch will man die im Text stark wahrnehmbare und unglaublich große Zerrissenheit des tatsächlich zutiefst guten Antons irgendwie spüren. Der steht zwischen seiner toughen Frau Karin und der kleinen süßen Maus und will sich dem moralisch verwerflichen Diktat der Filmindustrie eigentlich nicht unterwerfen.

Spiegelbild

Genau dieses Problem, diese Anklage und dieser Zwiespalt, wird in Egloffs Inszenierung an den Zuschauer zurückgegeben. Am Ende richtet sich Anton ans Publikum, in Unterhose steht er da und spricht von einer Hummel, die vor ihm liegt und stirbt oder gerade erst zu leben beginnt, so genau kann er das nicht sagen. Anfang und Ende, auch Gut und Böse liegen eben nah beieinander, werden manchmal ununterscheidbar. Der Zuschauer ist nun auf der reflektierenden Seite der Bühne mit seinem eigenen Spiegelbild konfrontiert. Ganz still sitzt man vor dem Haus und muss feststellen, dass man mit der Produktion, dieser gewaltigen Maschinerie der eigenen Fantasien konfrontiert wurde.

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