Preisträger 2006: René Pollesch
„Cappuccetto Rosso“ - Volksbühne Berlin/Salzburger Festspiele, Foto: Thomas Aurin
Preisträgerin 2009: Elfriede Jelinek
„Rechnitz (Der Würgeengel)“ - Münchner Kammerspiele, Foto: Arno Declair
Preisträgerin 2008: Dea Loher
„Das letzte Feuer“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträger 2010: Roland Schimmelpfennig
„Der goldene Drache“ - Burgtheater Wien, Foto: Reinhard Werner
Preisträger 2012: Peter Handke
„Immer noch Sturm“ - Thalia Theater Hamburg/Salzburger Festspiele, Foto: Armin Smailovic
Preisträgerin 2013: Katja Brunner
„Von den Beinen zu kurz“ - Schauspiel Hannover, Foto: Katrin Ribbe
Preisträger 2016: Wolfram Höll
„Drei sind wir“ - Schauspiel Leipzig, Foto: Rolf Arnold
Preisträger 2015: Ewald Palmetshofer
„die unverheiratete“ - Burgtheater im Akademietheater, Wien, Foto: Georg Soulek
Preisträgerin 2017: Anne Lepper
„Mädchen in Not“ - Nationaltheater Mannheim, Foto: Christian Kleiner
Preisträger 2003: Fritz Kater
 „zeit zu lieben zeit zu sterben“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträger 2014: Wolfram Höll
„Und dann“ - Schauspiel Leipzig, Foto: Rolf Arnold
Preisträger 2007: Helgard Haug & Daniel Wetzel, Rimini Protokoll
„Karl Marx: Das Kapital, Erster Band“ - Düsseldorfer Schauspielhaus, Foto: Sebastian Hoppe
Preisträger 2004: Elfriede Jelinek
 „Das Werk“ - Burgtheater im Akademietheater, Wien, Foto: Christian Brachwitz
Preisträger 2002: Elfriede Jelinek
„Macht Nichts“ - Schauspielhaus Zürich, Foto: Leonard Zubler
Preisträger 2005: Lukas Bärfuss
„Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträgerin 2011: Elfriede Jelinek
„Winterreise“ - Münchner Kammerspiele, Foto: Julian Röder
Kritik

Nicht nur Mädchen in Not

Anne Leppers Stück „Mädchen in Not“ bietet viel Komplexität und Spielraum. Blog-Autorin Henrike Reintjes hat Dominic Friedels Inszenierung des Nationaltheaters Mannheim gesehen.

„If you fall I will catch you I will be waiting time after time“, singt Baby (Anne-Marie Lux) in Dominic Friedels Mannheimer Inszenierung von Anne Leppers „Mädchen in Not“, nachdem sie ihre Freundin Dolly (Sabine Fürst) vor der Gesellschaft der Freunde des Verbrechens gerettet hat. Dabei scheint der Gesang jedoch weniger an Dolly gerichtet, sondern vielmehr an die Puppe (Julius Forster), die sie sich gekauft hat, um selbstbestimmter ohne einen echten Mann zu leben. Der Eindruck von Unterstützung und gegenseitiger Hilfe täuscht also, denn eigentlich ist hier niemand für die anderen da.

Freundschaft in Not

Vor allem nicht Baby für Dolly. Die beiden Freundinnen, in deren Namen sexistische Frauenbilder aufgerufen werden, tauschen sich aus, wollen aber ganz unterschiedliche Dinge. Baby, die von echten Männern genug hat, will „eine Puppe als Mann“, und wenn die nicht mehr reicht, dann eben noch eine. Dolly hingegen sehnt sich nach körperlicher Nähe. Sie ist weniger schön als Baby, was Babys Schikanen ihr permanent in Erinnerung rufen. In der Inszenierung wird die Kluft zwischen den beiden Frauen durch einen Kontrast auf Kostümebene (Kostüm: Peter Schickart) dargestellt: Baby trägt ein weißes, mädchenhaftes Kleid, während Dolly in einem grünlichen Gefieder steckt, das an das Federkleid eines gerupften Enterichs erinnert.

Das immer überdimensionalere Eis, mit dem Babys Ex-Männer Fanz (Julius Forster) und Jack (Hannah Müller / Julius Forster) ihre Verflossene vergeblich beeindrucken wollen, sammelt schließlich die liebeshungrige Dolly vom Boden auf. Doch für sie interessiert sich keiner der beiden Macker, was Baby höhnisch kommentiert: „wer sollte dich wollen du tust ja nichts für dich siehst schlecht aus zu dick“. Im Laufe des Abends beginnt Dolly Baby „Sir“ zu nennen – ein Zeichen der Unterwerfung und eines ganz und gar nicht freundschaftlichen Verhältnisses. Baby legt nach und nach immer mehr „männliche“ Verhaltensweisen an den Tag, wird rauer und ungehobelter und schließlich bringt sie Dolly sogar um. Freundschaft sieht anders aus.

Puppen oder Menschen

Die Darsteller tragen überdimensionale, kubistische Pappköpfe. Nur Michael Fuchs, der als Babys Mutter wiederholt mit dem besorgten Einwurf „die Nachbarn, die Nachbarn“ für Komik sorgt, darf durchgehend sein eigenes Gesicht zeigen. Bei den anderen bleibt dieses durch die übergroßen Masken verdeckt, was Mimik als Gestaltungsmittel ausschließt. Die Schauspieler kompensieren dies mit großen Gesten und Armbewegungen, und immer wieder baut Regisseur Friedel längere choreographische Szenen ein.

Doch die Köpfe werden auch abgelegt, zum Beispiel als Dolly offen über ihr sexuelles Verlangen spricht. Nur in Unterwäsche und „ohne Kopf“ wirkt sie äußerst verwundbar. Man könnte an dieser Stelle also vermuten, dass das Ablegen der Köpfe für eine Art Offenheit und Ehrlichkeit steht, wie das Ablegen einer Maske. Jedoch stellt sich kurz darauf heraus, dass es die Puppen sind, die in der Inszenierung menschliche Gesichter haben. Auch das Publikum wird hier miteinbezogen. Auf der Suche nach der perfekten Puppe mustert Baby auch einige Zuschauende. Schließlich entscheidet sie sich aber für den in eine Puppe verwandelten, also nunmehr maskenlosen, Franz. Somit sind selbst die Puppen keine echten Puppen.

Später wird zunehmend mit dem Auf- und Absetzen der Köpfe gespielt: Es scheint keine eindeutige Logik mehr zu geben, die Grenzen zwischen den Figuren werden geöffnet, Texte umverteilt und Rollen getauscht. Dabei bleibt aber stets erkennbar, welcher Figur der Text ursprünglich zugeordnet ist. Hier wirkt die Inszenierung etwas unentschlossen: Man hätte die Figuren noch weiter auflösen können, dann hätte sich ein größerer Spannungsbogen aufbauen lassen. So aber ziehen sich einige Szenen in die Länge, da sie immer wieder zur selben Ausgangsposition zurückkehren..

Gesellschaft in Not

Diese formale Öffnung in der zweiten Hälfte der Inszenierung korrespondiert thematischen Öffnung im Text. Im zweiten Teil des Textes geht es nicht mehr nur um den Einzelfall von Baby, ihren Männern und der Freundin, sondern viel mehr um eine gesamtgesellschaftliche Ordnung. Zentral dafür ist die kollektive Figur namens „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ – vielleicht das interessanteste Element in Leppers Text. Sie bereichert das Stück um eine Vielzahl von weiteren Interpretations- und Inszenierungsmöglichkeiten. Die Gesellschaft tritt mehrmals im Laufe des Abends unvermittelt auf und fordert die Abschaffung der Differenz: „vergewaltigen, erschießen, ausweisen“ lautet ihr Standardurteil.

Friedel inszeniert die Gesellschaft der Freunde des Verbrechens als manipuliertes Puppenballett, hinter dem sich der Puppenbauer Duran-Duran (Hannah Müller) als „Fadenzieher“ verbirgt. Erst gegen Ende reißt Duran-Duran den einzelnen Mitgliedern der dunklen Gesellschaft die schwarzen Masken vom Gesicht, wodurch erkennbar wird, dass hinter dem gefährlichen Chor der ununterscheidbaren Stimmen eigentlich doch einzelne Menschen stehen. Diese setzen sich dann für den letzten Sprechchor, den Duran-Duran fulminant auf der Bühne dirigiert, ins überraschte Publikum, als wollten sie sagen: Die Grenzen zwischen manipulierbaren Puppen und Menschen verlaufen fließend, wenn ihr nicht aufpasst, steckt ihr im Handumdrehen mit uns im Chor der Differenzkiller und werdet von einem größenwahnsinnigen Manipulator dirigiert. „ich fände es schrecklich wenn man mir antäte was ich anderen antue“ gibt dieser zynisch in Leppers Text zu. Friedels Entscheidung, am Ende der Inszenierung die Figuren mit der Verbrechergesellschaft und diese mit dem Publikum verschmelzen zu lassen, ist klug. Dennoch brennt nach der Aufführung darauf, zu erfahren, was zukünftige Produktionen aus dem vielschichtigen Text und insbesondere aus der Gesellschaft der Freunde des Verbrechens machen werden.

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