„Vereinte Nationen“ von Clemens J. Setz
Nationaltheater Mannheim, Foto: Christian Kleiner
„Die Vernichtung“ von Olga Bach
Konzert Theater Bern, Foto: Birgit Hupfeld
„Wut“ von Elfriede Jelinek
Münchner Kammerspiele, Foto: Thomas Aurin
„Mädchen in Not“ von Anne Lepper
Nationaltheater Mannheim, Foto: Christian Kleiner
„der thermale widerstand“ von Ferdinand Schmalz
Schauspielhaus Zürich, Foto: Raphael Hadad
„Empire“ von Milo Rau
IIPM, Foto: Marc Stephan
„europa verteidigen“ von Konstantin Küspert
ETA Hoffmann Theater Bamberg, Foto: Martin Kaufhold
Weibsstücke II

Mutter unter Zwängen

Die Mutter in Clemens Setz’ „Vereinten Nationen“ entspricht dem vermeintlichen Ideal einer fürsorglichen Mutter ganz und gar nicht. Doch was ist das überhaupt, eine ideale Mutter? Die Blog-Autorinnen Marie Eberhardt und Victoria Weich haben vor und nach der Aufführung das Publikum befragt. 

Das hierzulande dominante Mutterbild basiert immer noch auf dem Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie. Dabei existiert die eigentlich nur noch im Modell. In Wirklichkeit gibt es zahlreiche sogenannte Scheidungskinder, Kinder, die in Patchwork-Familien oder mit Alleinerziehenden aufwachsen, oder Kinder, die Teil eines bewusst ‚anders‘ gelebten Familienkonzepts sind. Insofern erscheint Setz’ fiktive Familie auf den ersten Blick modellhaft: Mutter – Vater – Kind – die Konstellation stimmt. Doch vor allem Mutter Karin ist keine Sympathieträgerin, sondern hart gegen ihre Mitmenschen, stark an ihrem eigenen künstlerischen Output und dem Geld interessiert. Sie drängt ihren Partner Anton dazu, das Spiel mit ihrer kleinen Tochter weiterzutreiben, auch wenn der von der kapitalistischen Ausschlachtung des inszenierten Familienlebens nicht mehr so wirklich überzeugt ist. Sie fordert von ihm, von seinem „patriarchalen Ross“ herunterzusteigen und das mit Freund Oskar betriebene „Mansplaining“ zu beenden. Gegen die Zusammenrottung der männlichen Entscheider möchte sie ihre eigene Geschäftsidee durchsetzen, stößt damit aber nur auf taube Ohren.

So sieht das befragte Publikum sie nach der Aufführung auch einerseits als „schrille“, „gemeine“ und „ausbeutende“ Mutter, die nicht mehr glaubhaft fürsorglich sei, auch wenn sie vorgebe, nur das Beste ihrer Tochter zu wollen. Eine Zuschauerin vermutet, dass sich Karin in ein System hineinmanövriert habe, aus dem sie so schnell nicht mehr herauskomme. Doch auch weniger verurteilende Töne sind zu hören: Laut einer anderen Befragten steht Karin sich selbst im Weg. Irgendwie kümmere sie sich schon um ihre Tochter, sagt ein anderer Zuschauer. Aber es sei ein „Kümmern im negativen Sinn“, bei dem das „Aufgehobensein“ fehle.

Offenbar haben die Zuschauenden hohe Ansprüche an die Mutter. Der Druck von außen ist groß. Ist Karin etwa Opfer von Systemzwängen? Sie muss das Kind trösten, wenn es, von den inszenierten Attacken des Vaters verstört, in Tränen ausbricht. Gleichzeitig will sie sich selbst verwirklichen, aber das starke Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Geld verunmöglicht jede Zufriedenheit. So kann Karin weder den eigenen noch den gesellschaftlichen Anforderungen gerecht werden, denn es stehen hier zwei Konzepte im Widerstreit, die sie nicht vereinen kann: Selbstverwirklichung und Fürsorge.

Fürsorge, so die Befragten, sei neben Liebe die Grundvoraussetzung für die Kindererziehung durch die Mutter. Trotzdem wird auch deutlich, dass das Publikum die Frage nach der idealen Mutter durchaus knifflig findet: „Oh“ und „Oha“, ein tiefes Luftholen und nachdenkliche Blicke sind die ersten Reaktionen. Es ist wohl nicht leicht, den Job „Mutter“ gut zu machen – vor allem nicht für Karin. 

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