Preisträger 2004: Elfriede Jelinek
 „Das Werk“ - Burgtheater im Akademietheater, Wien, Foto: Christian Brachwitz
Preisträger 2010: Roland Schimmelpfennig
„Der goldene Drache“ - Burgtheater Wien, Foto: Reinhard Werner
Preisträgerin 2013: Katja Brunner
„Von den Beinen zu kurz“ - Schauspiel Hannover, Foto: Katrin Ribbe
Preisträger 2016: Wolfram Höll
„Drei sind wir“ - Schauspiel Leipzig, Foto: Rolf Arnold
Preisträger 2007: Helgard Haug & Daniel Wetzel, Rimini Protokoll
„Karl Marx: Das Kapital, Erster Band“ - Düsseldorfer Schauspielhaus, Foto: Sebastian Hoppe
Preisträgerin 2017: Anne Lepper
„Mädchen in Not“ - Nationaltheater Mannheim, Foto: Christian Kleiner
Preisträgerin 2008: Dea Loher
„Das letzte Feuer“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträger 2003: Fritz Kater
 „zeit zu lieben zeit zu sterben“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträger 2015: Ewald Palmetshofer
„die unverheiratete“ - Burgtheater im Akademietheater, Wien, Foto: Georg Soulek
Preisträger 2012: Peter Handke
„Immer noch Sturm“ - Thalia Theater Hamburg/Salzburger Festspiele, Foto: Armin Smailovic
Preisträger 2005: Lukas Bärfuss
„Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträger 2014: Wolfram Höll
„Und dann“ - Schauspiel Leipzig, Foto: Rolf Arnold
Preisträgerin 2011: Elfriede Jelinek
„Winterreise“ - Münchner Kammerspiele, Foto: Julian Röder
Preisträger 2002: Elfriede Jelinek
„Macht Nichts“ - Schauspielhaus Zürich, Foto: Leonard Zubler
Preisträger 2006: René Pollesch
„Cappuccetto Rosso“ - Volksbühne Berlin/Salzburger Festspiele, Foto: Thomas Aurin
Preisträgerin 2009: Elfriede Jelinek
„Rechnitz (Der Würgeengel)“ - Münchner Kammerspiele, Foto: Arno Declair
Debatte

Genug der Wut?

„Wenn Sie ein Nazi sind, dann gehen Sie nicht in ein Jelinek-Stück.“ Sagt man gemeinhin. Aber was bedeutet es, dass viele der zeitgenössischen Theaterproduktionen in Deutschland dezidiert an ein linkes oder linksliberales Publikum gerichtet sind? Cornelius Stiegemann stellt mit Blick auf die Samtsessel-Revoluzzer einige unbequeme, aber notwendige Fragen.

Kann man Extremisten mit Theater bekehren? Die Zeitschrift „Theater heute“ zumindest schreibt zu Elfriede Jelineks neuestem Stück: „Wer immer noch von einem kleinen Selbstmordanschlag mit anschließendem Sofort-Paradieseinzug träumen sollte, muss nur „Wut“ lesen und sehen.“ Mag diese Behauptung auch vor Ironie nur so strotzen, stellt sie doch implizit Fragen, die gerade mit Blick auf die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen, die in zeitgenössischen Theatertexten und Inszenierungen verhandelt werden, dringend erscheinen: Was kann Theater ausrichten? Was für Reaktionen kann es hervorrufen? Und in welchem Lager?

Beginnen wir mit einer simplen Feststellung: Theaterautoren wie Elfriede Jelinek, Konstantin Küspert und viele weitere behandeln in ihren Texten Themen wie die Anschläge auf Charlie Hebdo, das Bataclan und den jüdischen Supermarkt in Paris, sie problematisieren Burschenschaften, die AfD, „besorgte Bürger“, die Finanzkrise … Die Liste ließe sich noch weiter fortsetzen, man erhielte vermutlich ein Potpourri aus all dem, was dieser Tage als Nachricht über unsere stationären oder mobilen Bildschirme huscht. Dazu inszenieren viele Theater altbekannte Stoffe unter aktuellen Gesichtspunkten. Man kommentiert das gegenwärtige Geschehen. Theater sieht sich gern als kritische Beobachtungsinstanz der Gesellschaft und nimmt dazu meist politisch linke Standpunkte ein. Das mag an der Natur der Aufgabe oder an der Orientierung der Theatermacher liegen. Und die spiegelt sich natürlich auch im Publikum. In der Bearbeitung von Jelineks „Die Schutzbefohlenen / Appendix / Coda / Epilog auf dem Boden“ im Schauspielhaus Bochum (Regie: Hermann Schmidt-Rahmer) heißt es unzweideutig: „Ich weiß, dass hier unter den Anwesenden kaum jemand 30 Euro für einen Jelinek-Abend ausgibt und dann die AfD wählt.“ Linkes Theater für ein linkes Publikum? Wenn die Schauspieler auf der Bühne rhetorisch fragen, ob wirklich alle aus diesen Booten gerettet und aufgenommen werden sollten, kuscheln sich Akteure wie Zuschauer in die wohlige Gewissheit, dass hier niemals ein Zuschauer die vierte Wand mit Pegida-Parolen durchbrochen würde. „Wir“ sind hier ja alle einer Meinung. Doch schließt diese Form linker Selbstbestätigung nicht auch schon wieder jemanden vom Dialog aus?

Anders gefragt: Gibt es eigentlich auch rechtes Theater? Auf öffentlich anerkannten deutschsprachigen Bühnen wohl kaum. Nicht im Traum würde mir einfallen, an dieser Stelle im Text so etwas wie ein Pegida-Programmtheaterstück zu fordern. Ich bin schließlich auch Teil dieses linken Theaterpublikums. Dennoch muss jedem auffallen, dass ein Teil der Gesellschaft in diesem Kunstraum nicht repräsentiert wird. Und das, obwohl AfD, Pegida, besorgte Bürger in diesem Kunstraum auf die eine oder andere Art häufig behandelt werden. Und eigentlich wissen wir alle, dass als Lösungsmöglichkeit nur der Dialog und das Gespräch infrage kommen. Kann das Theater aber durch die Inszenierung von politischen Stücken oder aktuellen Themen überhaupt nicht-linkes Publikum erreichen? Würden sich Nazis in die rotgepolsterten Sessel setzen, geduldig eine Adaption von Erich Maria Remarques „Arc de Triomphe“ ansehen, die mit erstaunlichen Parallelen zur Aktualität die Probleme – ausgerechnet – deutscher Exilanten im Paris der späten 30er Jahre behandelt, um danach im Theaterfoyer intensiv und gesittet mit Regisseur, Schauspieler*innen und weiteren Zuschauern zu diskutieren? Würde der linke Teil des Publikums das überhaupt zulassen?

Der Autor dieses Textes weiß selbstverständlich keine Antworten auf seine eigenen Fragen. Aber er kennt die Reaktionen derer, die idealerweise in einen Diskurs mit eingebunden werden sollten: Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch bemühte einen juristischen Prozess gegen Falk Richters Stück „Fear“, die FPÖ focht im Rahmen der Wiener Gemeinderatswahlen 1995 einen „Kulturkampf“ gegen Elfriede Jelinek und zuletzt organisierten die rechtsextremen „Identitären“ eine – von ihnen selbst so betitelte! – „ästhetische Intervention“ gegen ein Theaterprojekt an der Universität Wien im April 2016: Unter dem Titel „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ wurde damals das Stück der Literaturnobelpreisträgerin von Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan und dem Irak aufgeführt. Mitten im Stück stürmten zwischen 20 bis 30 „Identitäre“ die Bühne, entrollten ein Banner auf dem „Heuchler“ stand, verspritzten Kunstblut und warfen Flyer mit der Aufschrift „Multikulti tötet“ ins Publikum. Danach kam es zu Tumulten, die Identitären wurden von der Bühne gedrängt, die Aufführung wurde wenig später unter Polizeischutz weitergeführt.

Aus derartigen, traurigen Zwischenfällen ergeben sich komplexe und nur auf den ersten Blick provokative Fragen: Kann Theater nur polarisieren, kritisieren, wütend machen, oder kann es auch das vermeintlich Inkompatible an einen Tisch bringen kann? Wenn Stücke wie „Die Schutzbefohlenen“ solche Reaktionen hervorrufen, derartige Steine des Anstoßes ins Rollen bringen können, ist es dann noch möglich, dass die unterschiedlichen Gruppen zusammenfinden, um die umstrittenen aktuellen Themen zu besprechen? Ist das Theater überhaupt der richtige, passende Ort dafür? Können „wir“ uns überhaupt mit „denen“ in einem Raum aufhalten? Geht das gut? Oder haben sich nach drei Jahren Pegida, 13 Landtagseinzügen der AfD und der Fast-Wahl eines FPÖ-Bundespräsidenten die Fronten auf beiden Seiten doch schon zu sehr verhärtet? Wollen wir diese Fronten überhaupt noch aufbrechen? Sehen wir den tiefen Graben der durch unsere Gesellschaft geht einfach nur nicht, oder stürzen wir uns gerade – von beiden Seiten, links wie rechts! – mit weitaufgerissenen Augen hinein?

Genug der Worte, Taten warten! Doch … was ist zu tun?

Kommentare

Ein Beispieltext, der versucht, diese "Blase" aufzubrechen. Chris Thorpes Ein-Personenstück „Bestätigung“.

https://www.trailer-ruhr.de/die-filterblase-das-sind-wir

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