Preisträger 2012: Peter Handke
„Immer noch Sturm“ - Thalia Theater Hamburg/Salzburger Festspiele, Foto: Armin Smailovic
Preisträgerin 2008: Dea Loher
„Das letzte Feuer“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträger 2015: Ewald Palmetshofer
„die unverheiratete“ - Burgtheater im Akademietheater, Wien, Foto: Georg Soulek
Preisträger 2010: Roland Schimmelpfennig
„Der goldene Drache“ - Burgtheater Wien, Foto: Reinhard Werner
Preisträgerin 2011: Elfriede Jelinek
„Winterreise“ - Münchner Kammerspiele, Foto: Julian Röder
Preisträger 2004: Elfriede Jelinek
 „Das Werk“ - Burgtheater im Akademietheater, Wien, Foto: Christian Brachwitz
Preisträger 2007: Helgard Haug & Daniel Wetzel, Rimini Protokoll
„Karl Marx: Das Kapital, Erster Band“ - Düsseldorfer Schauspielhaus, Foto: Sebastian Hoppe
Preisträgerin 2009: Elfriede Jelinek
„Rechnitz (Der Würgeengel)“ - Münchner Kammerspiele, Foto: Arno Declair
Preisträgerin 2013: Katja Brunner
„Von den Beinen zu kurz“ - Schauspiel Hannover, Foto: Katrin Ribbe
Preisträgerin 2017: Anne Lepper
„Mädchen in Not“ - Nationaltheater Mannheim, Foto: Christian Kleiner
Preisträger 2016: Wolfram Höll
„Drei sind wir“ - Schauspiel Leipzig, Foto: Rolf Arnold
Preisträger 2003: Fritz Kater
 „zeit zu lieben zeit zu sterben“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträger 2006: René Pollesch
„Cappuccetto Rosso“ - Volksbühne Berlin/Salzburger Festspiele, Foto: Thomas Aurin
Preisträger 2005: Lukas Bärfuss
„Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträger 2002: Elfriede Jelinek
„Macht Nichts“ - Schauspielhaus Zürich, Foto: Leonard Zubler
Preisträger 2014: Wolfram Höll
„Und dann“ - Schauspiel Leipzig, Foto: Rolf Arnold
Die Glücksforscher

Eine Riesenportion Pommes

Glück ist eine Riesenportion Pommes. Und wenn nicht, was dann? Blog-Autorin Henrike Reintjes hat der Zentrale für Glücksforschung des Oldenburgischen Staatstheaters bei der Arbeit zugesehen.

Hinten, links und rechts auf der Bühne (Bühnenbild: Sandra Münchow) stehen Kreidetafeln. Auf ihnen ein Durcheinander von Wörtern und Notizen zum Thema Glück: Banane + Wurst, Bananenwurst, Tante Rosi, Giraffen. Als das Blog-Team verspätet (Schuld war der Bus!) den Saal betritt, wird gerade gemeinsam mit dem Publikum über Schnitzeleis diskutiert und nach anderen Ergänzungen für die Tafel gesucht. In der Mitte der Bühne befindet sich ein Turm aus Regalbrettern und Schubladen – sie tragen Aufschriften wie Himmel, Monsterpommes, Kostüm – davor ein Tisch. Wir sind in der Zentrale für Glücksforschung, zusammen mit den Forschern Didi und Franzi. Denn im Stück „Die Glücksforscher“ des Autors und Regisseurs Marc Becker, das in der Inszenierung vom Oldenburgischen Staatstheater bei den KinderStücken zu Gast ist, geht es darum, herauszufinden, was genau eigentlich glücklich macht.

Einige Ideen haben Didi und Franzi schon gesammelt. Mehrmals scheinen sie sogar eine endgültige Glücksformel gefunden zu haben. „Dies, das, Ananas“ - so lautet die Antwort des Glückskekses. Doch jedes Mal, wenn die Musik ertönt und die Kinder schon zurück in die Schule geschickt werden sollen (die ersten stehen schon), kommen wieder Zweifel auf. Ist das „weiße flauschi flauschi Handtuch“, das Didi Franzi schenkt, wirklich so toll, dass Franzi jetzt für immer glücklich ist? Oder muss man sich in Wahrheit nicht ganz schön anstrengen, um sich darüber zu freuen? Und wie lange hält das Glück nach einem Geschenk überhaupt an? Franzi gibt schließlich zu, das nächste Mal lieber „100 Millionen Euro“ bekommen zu wollen. Aber wenn man sich alles kaufen kann, kann man sich dann noch über irgendetwas richtig freuen? Und gibt es Dinge, die man nicht für Geld haben kann? Als Franzi sich Freunde kaufen möchte, melden sich immerhin eine ganze Reihe Kinder im Publikum. Doch ihr alter Lieblingsteddy, merkt sie, hat trotzdem einen immateriellen Wert.

Nicht nur didaktisch

Der Stoff birgt die Gefahr, das Stück ins Didaktische oder Belehrende abdriften zu lassen. Allerdings sorgt die besondere Dynamik zwischen den Figuren Franzi (Ramona Suresh) und Didi (Yassin Trabelsi) dafür, dass diese Falle größtenteils vermieden werden kann. Die Anlegung der Figuren im Text bietet immer wieder unterhaltsame Kontrast- und Wendepunkte, die auf der Bühne effektiv umgesetzt und erweitert werden. Dazu kommt die durchgehend starke Verbindung zum Publikum. Nachdem Franzi Didi zum Beispiel bewiesen hat, dass Glück auch bedeuten kann, etwas von jemand anderem kaputt zu machen, sucht sie nach Möglichkeiten, Didi wieder aufzuheitern. Ihr Vorschlag, ein Lied zu singen, kommt bei den Kindern im Publikum sehr gut an. Sie klatschen und rufen, bis Didi schließlich anfängt – mit dem Lied, „das alle nervt“. Diese Worte bilden auch schon über 50% des Liedtexts und die Begeisterung im Saal nimmt nochmal zu.

Kleine situationskomische Einfälle steigern den Unterhaltungswert der Inszenierung noch weiter. Amüsant etwa das quietschende Geräusch am Anfang des Stücks, das jedes Mal erklingt, wenn Schauspielerin Suresh ihre Arme bewegt. Auch das Bühnenbild wird in solchen Situationen gewinnbringend eingebunden: Beim Beratungstelefonat mit Tante Rosi klettert Franzi auf dem Schubladenturm, wobei sie die Telefonschnur immer mit sich zieht. Letztendlich rutscht sie hinunter und landet auf Didis Schultern.

Märchenwelt

Gegen Ende verwandelt sich das Labor der Glücksforscher urplötzlich in eine Märchenwelt – schließlich haben im Märchen schon viele Figuren ihr Glück gefunden und Didi erinnert sich daran, dass das Märchen der unglücklichen Prinzessin ihn als Kind immer glücklich gemacht hat. Eine mysteriöse Märchenstimme (Lili Becker), die sich mit Didi und Franzi ihren Spaß erlaubt, erteilt Anweisungen und wird dabei auch schon mal ungeduldig. Zum Beispiel, wenn Didi mit Luftgitarre auf der Bühne abgeht, statt von der Bühne abzugehen. Als Franzi in die unglückliche Prinzessin, die ihr Glück verloren hat, und Didi in ihren Vater, den König, verwandelt werden, wechselt das Stück das Genre. Aber die Slapstick-Komik bleibt trotz klassischer Märchenelemente erhalten. Franzi im weiten Prinzessinnenkleid (Kostüm: Münchow) strickt an einer riesigen rosa Wollunterhose. Als sie aufsteht und laufen will, zieht ihr Kleid die ganze Treppe, auf der sie gesessen hat, mit sich.

Eine Reihe von unterschiedlichen „Besuchern“, die ebenfalls von Trabelsi gespielt werden, will der Prinzessin helfen, ihr Glück wiederzufinden. Trabelsi spielt sie mit Liebe zum Detail. Er wechselt zwischen Akzenten und immer wieder gibt es kleine Momente, die nicht nur an die Kinder im Publikum adressiert sind. So verspricht der amerikanische Sachensammler von seinem geplanten Museum des Glücks: „It‘s gonna be great!“ Auch im Publikumssaal sucht er nach Exponaten für das Museum und wird bei einigen Kindern „fündig“. Er tut so, als hätte er einen Gegenstand von ihnen erhalten und denkt sich dazu auch gleich einen Hintergrund aus. Das Mädchen, dass ihm nun vermeintlich ihre Glücksbrosche gegeben hat, die sie immer hält, wenn sie an seinen Geliebten denkt, findet diesen Teil wohl nicht unterhaltsam, im Gegensatz zum Rest des Publikums. In diesem Zusammenhang wird also auch die Liebe als ultimatives Glücksrezept ins Spiel gebracht. Der Vater der Prinzessin ist überzeugt, dass seine Tochter einfach heiraten müsse, um glücklich zu sein. Schließlich ist das im Märchen immer so. Im Publikum findet sich auch direkt ein Prinz – küssen will er die Prinzessin aber unter keinen Umständen. Und auch die Prinzessin ist nicht so angetan von der Idee. Ihre beste Lösung ist stattdessen, Freunde zu treffen und etwas zu erleben.

Letztlich stellt das Stück mehr Fragen, als es Antworten gibt. Dass sich die Märchenwelt nicht nochmal in die Glückszentrale zurückverwandelt, lässt die narrative Entwicklung etwas inkonsequent wirken. Andererseits wird so eine Belehrung der Kinder durch die Ansage einer festen Antwort oder Nicht-Antwort vermieden. „Ein Stück für Kinder zwischen 8 und 108 Jahren“ steht unter Beckers Titel – und es scheint ganz so, als fänden alle ihren Spaß: Kinder, Erwachsene, Schauspieler.

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