Die Kinderkarte

Der StückeBlog

Ein Team aus unabhängigen Blogger*innen, zusammengesetzt aus Studierenden verschiedener Fachrichtungen, schaut hinter die Festival-Kulissen. In Text-, Audio- und Videobeiträgen zeigen sie ihre ganz persönlichen Perspektiven auf die „Stücke“ und die „KinderStücke“.


Kolumne

Was ist normal?

Essen verbindet. Wir laden ein, gehen aus, kochen mit- und füreinander. Was man isst und was nicht, formt Identität und Gruppenzugehörigkeit. Das kann man als Vegetarier, gläubiger Jude oder Muslim bei einem Weißwurstfrühstück schnell erfahren. In Tina Müllers „Dickhäuter“ versucht das Nashorn Lou in der Klasse 2b sich den Essgewohnheiten der Gruppe anzupassen. Zu Beginn des Stücks erklären die Kinder die Regeln: Ein kleines Pausenbrot ist normal und Süßigkeiten zu mögen statt Gras auch. Also isst Lou eine ganze Packung Kaugummi. Auf einmal. Inklusive Verpackung. Alle Kinder lachen – auch die im Publikum. Doch bei jedem neuen Versuch Lous normal zu sein, wird es stiller im Saal.

Was macht glücklich?

Essen, oder? Das denken zumindest anfangs die Glücksforscher in Marc Beckers gleichnamigen Stück: „Glück ist eine Riesenportion Pommes als Vorspeise und danach dann Schokoladenpudding.“ Auch der Glückskeks gibt die Antwort „Dies, das, Ananas“. Oder braucht man vielleicht doch noch mehr? In dem Muffinrezept seiner verstorbenen Mutter findet der Protagonist Rudy aus Julia Penners „Der dicke Sternschnuppe“ wenn auch nicht Glück, so doch immerhin Trost.

Was ist, wenn nichts da ist? ODER „Hat jemand was zu essen?“

Essen ist notwendig. Es bildet einen der Grundbausteine für die Glückspyramide der Zaubermaus in Nadja Siegers und Georg Pillers „Aus die Maus“. Manchmal jedoch kann man sich auch auf das Selbstverständliche nicht mehr verlassen. Direkt damit konfrontiert werden die Zuschauenden, als die obdachlose „Kippe“ sie um Essen bittet. Weil die unteren Elemente nicht erfüllt werden, stürzt die Pyramide ein. Den obersten Teil – das Ziel Träume zu erreichen und glücklich zu werden – kann Kippe ohne die Grundelemente nie erreichen. Sie träumt von Schnaps und Buletten.

Aus der Kinderperspektive schildert Roland Schimmelpfennigs „Die Biene im Kopf“ das Aufwachsen in schwierigen Verhältnissen. Leben „in schwierigen Verhältnissen“ kann unter anderem bedeuten: ohne regelmäßige Mahlzeiten. Die kindliche Hauptfigur stellt sich vor, dass sie ihr Leben wie ein Computerspiel zu meistern hat. Von Level zu Level muss sie schwierige Aufgaben erfüllen, um die spärlichen Belohnungen – ein Apfel zum Frühstück, Dosenravioli zum Abendessen – zu ergattern. Aber reicht das? 

„Hast du noch Hunger?“ / „Also ehrlich gesagt: Ja.“

 

 

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