Preisträger 2014: Wolfram Höll
„Und dann“ - Schauspiel Leipzig, Foto: Rolf Arnold
Preisträger 2006: René Pollesch
„Cappuccetto Rosso“ - Volksbühne Berlin/Salzburger Festspiele, Foto: Thomas Aurin
Preisträgerin 2013: Katja Brunner
„Von den Beinen zu kurz“ - Schauspiel Hannover, Foto: Katrin Ribbe
Preisträgerin 2011: Elfriede Jelinek
„Winterreise“ - Münchner Kammerspiele, Foto: Julian Röder
Preisträger 2012: Peter Handke
„Immer noch Sturm“ - Thalia Theater Hamburg/Salzburger Festspiele, Foto: Armin Smailovic
Preisträger 2016: Wolfram Höll
„Drei sind wir“ - Schauspiel Leipzig, Foto: Rolf Arnold
Preisträgerin 2017: Anne Lepper
„Mädchen in Not“ - Nationaltheater Mannheim, Foto: Christian Kleiner
Preisträgerin 2008: Dea Loher
„Das letzte Feuer“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträger 2010: Roland Schimmelpfennig
„Der goldene Drache“ - Burgtheater Wien, Foto: Reinhard Werner
Preisträger 2015: Ewald Palmetshofer
„die unverheiratete“ - Burgtheater im Akademietheater, Wien, Foto: Georg Soulek
Preisträger 2003: Fritz Kater
 „zeit zu lieben zeit zu sterben“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträger 2004: Elfriede Jelinek
 „Das Werk“ - Burgtheater im Akademietheater, Wien, Foto: Christian Brachwitz
Preisträger 2002: Elfriede Jelinek
„Macht Nichts“ - Schauspielhaus Zürich, Foto: Leonard Zubler
Preisträgerin 2009: Elfriede Jelinek
„Rechnitz (Der Würgeengel)“ - Münchner Kammerspiele, Foto: Arno Declair
Preisträger 2007: Helgard Haug & Daniel Wetzel, Rimini Protokoll
„Karl Marx: Das Kapital, Erster Band“ - Düsseldorfer Schauspielhaus, Foto: Sebastian Hoppe
Preisträger 2005: Lukas Bärfuss
„Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Interview

„Feuerprobe für den Text“

Die „Stücke“ prämieren den besten deutschsprachigen Theatertext der Saison. Doch wie arbeiten Auswahlgremium, Preisjury und Festivalleitung eigentlich? Blog-Redakteurin Victoria Weich hat mit Festivalleiterin Stephanie Steinberg über die Struktur des Festivals gesprochen.

Stephanie Steinberg ist schon seit 20 Jahren in Mülheim, die Leitung der „Stücke“ übernahm sie 2014. Damit wurde sie zudem Leiterin des städtischen Theater- und Konzertbüros. Viel Arbeit also für Steinberg und ihr kleines Team, das unermüdlich die Rädchen des Festivals zum Schnurren bringt.

Wann fangt ihr mit der Planung der „Stücke“ an?
Stephanie Steinberg: Damit anfangen kann man gar nicht sagen, denn der Auswahlzeitraum läuft immer von März bis Februar. Das heißt, während hier gerade das Festival läuft, ist das Auswahlgremium schon wieder unterwegs, um die Produktionen für die nächste Ausgabe zu sehen. Im Laufe des Jahres machen wir uns Gedanken über Kooperationen, die Werbung und alles, was langfristig vorbereitet werden kann. Ab dem Zeitpunkt der Nominierungen Ende Februar ist unsere Arbeit reine, ziemlich sportliche Organisation.

Ausgeklügelte Struktur

Wie wählt ihr aus, wer im Auswahlgremium ist?
Stephanie Steinberg: Die Auswahljury ist ausschließlich mit Kritikern besetzt. Wir finden, dass innerhalb dieses Gremiums möglichst eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet werden soll und zu viel Fluktuation nicht unbedingt einen Mehrwert bringt. Vertrauensvoll heißt nicht konsensual, sondern, dass man innerhalb des Gremiums die verschiedenen Haltungen kennt und schätzt. Im Gremium herrscht eine ausgesprochen kollegiale Atmosphäre, egal wie hart die inhaltlichen Auseinandersetzungen sind. Man weiß die Urteile der anderen gut einzuschätzen und darauf zu reagieren. Deswegen finde ich es wichtig, dass im Gremium eine gewisse Konstanz gegeben ist.

Und was passiert, wenn jemand geht?
Stephanie Steinberg: Wenn jemand aus dem Auswahlgremium ausscheidet, hat derjenige, der geht, ein Vorschlagsrecht. Das Gremium berät dann darüber.

Wie arbeitet das Gremium mit Euch zusammen?
Stephanie Steinberg: Wir vom Festivalteam recherchieren die Uraufführungen und besorgen die Texte. Das heißt, wir statten die Gremiumsmitglieder mit Informationen und Fakten aus, bevor diese dann anfangen, ihre Reisepläne selbst zu machen. In jedem einzelnen Fall lesen sie das jeweilige Stück zunächst und entscheiden, ob es ein interessantes Stück ist oder nicht, tauschen sich darüber aus und fahren dann los zu den Sichtungen. Im Laufe der Saison haben wir ca. fünf Sitzungen.

Wie wird die Preisjury bestimmt?
Stephanie Steinberg: Die Preisjury wird zwangsläufig erst dann berufen, wenn die Auswahl steht, damit es keine Überschneidungen mit irgendwelchen Interessen gibt. Wir wollen gerne möglichst verschiedene Perspektiven in der Jury präsent haben. Also nicht nur Vertreter aus der Theaterkritik, sondern eben auch RegisseurInnen, Schauspieler, DramaturgInnen oder Autoren. Und das geht natürlich erst, wenn wir wissen, welche Stücke nominiert sind, damit z.B. kein Hausregisseur eines eingeladenen Theaters dabei ist. Es ist ein großer Rechercheaufwand, zu schauen, wen man überhaupt in die Jury berufen kann.

Stücke und Inszenierung

Du kennst die „Stücke“ nun schon sehr lange. Was hat sich über die Jahre verändert, was ist gleich geblieben?
Stephanie Steinberg: Das ist vielleicht sogar das Selbe: Was gleich bleibt, ist die Veränderung. Immer die neuesten Autoren, immer die neuesten Stücke, immer neue Kritikerstimmen: Alles verjüngt sich immer wieder. Es ist ein großes Privileg, am Puls der Zeit zu sein. Was sich im Laufe der Jahre geändert hat, ist der Textbegriff. Da hat Mülheim die allgemeine Entwicklung in der deutschsprachigen Dramatik sehr gut abgebildet und begleitet. Es war ein Aufschrei, als Rimini Protokoll bei uns den Dramatikerpreis bekommen hat! Mülheim hat sich Neuerungen niemals verweigert, sondern ist dran geblieben, hat sich für das interessiert, was Realität auf den Bühnen ist.

Gibt es etwas, das die diesjährige Auswahl der Stücke vereint?
Stephanie Steinberg: Es gibt für die Auswahl keinerlei inhaltliche oder statistische Vorgaben, kein Motto oder dergleichen. Aber es ergibt sich fast jedes Jahr in irgendeiner Weise etwas Verbindendes, ohne dass das direkt beabsichtigt wäre. In diesem Jahr haben wir einen ganz starken Schwerpunkt auf Reflexionen von gesellschaftsrelevanten Themen. Am Ende ergibt sich eben doch eine Abbildung dessen, was gerade im Theater relevant ist, ein Tableau, das durchaus repräsentativ ist.

Wie stehst du zu der Problematik, dass ihr Autor*innen prämiert, aber Inszenierung zeigt?   Stephanie Steinberg: Das Theaterfestival ist ja nur dann ein Festival, wenn man auch die Inszenierungen zeigt. Das ist auch mehr als gerechtfertigt, weil die Inszenierung natürlich die Feuerprobe für den Text ist. Ohne die Aufführungen wäre es ein Literaturfestival. Aber bei szenischen Texten ist es natürlich der große Reiz, eine Version davon als Umsetzung auf der Bühne zu sehen.

Wie sprecht ihr über die Trennung von Stück und Inszenierung?
Stephanie Steinberg: Die Experten in der Jury haben einen geschulten Blick. Jeder hat für sich eine große Erfahrung, kann die beiden Ebenen trennen und die Qualität eines Textes in Abgleichung mit einer Inszenierung prüfen.

Die Stadt und das Festival

Wie ist die Verbindung zwischen der Stadt Mülheim und dem „Stücke“-Festival?
Stephanie Steinberg: Es ist ein Festival, das sich durch die inhaltliche Ausrichtung durchaus auch stark ans Fachpublikum richtet. Von den Mülheimer Bürgerinnen und Bürgern kommt eine spezielle Gruppe zum Festival, nämlich diejenigen, die auch sonst ins Theater gehen. Dennoch finde ich es wahnsinnig wichtig, dass die Stadt dieses Festival veranstaltet. Man darf nicht nachlassen, auch speziellere Kulturangebote zu machen. Es ist toll, dass die Stadt Mülheim, das Land NRW und der Bund sich weiter entschieden hinter das Festival stellen, es unterstützen und fördern. Manche größere deutsche (Theater)Stadt wäre möglicherweise nicht abgeneigt, das kluge Konzept der Theatertage zu übernehmen, wenn es zu haben wäre. Aber 42 Jahre sprechen für sich. Die „Stücke“ sind eine Mülheimer Institution.

Was würdest du dir anders wünschen, wenn man es einfach so umsetzen könnte?
Stephanie Steinberg: Wir hätten natürlich gerne eine Spielstätte, in der wir die vermeintlich kleinen Produktionen problemlos zeigen könnten. Der Ringlokschuppen und das Theater an der Ruhr sind durch die baulichen Gegebenheiten für viele Produktionen leider nicht nutzbar. Dadurch müssen wir in die Stadthalle gehen und dort das Studio für die Produktionen nutzen, die von Studiobühnen kommen. Wenn wir in der Stadthalle auf der Studiobühne spielen, ist allerdings gleichzeitig auch der Theatersaal besetzt, weil die Studiobühne  eben die Hinterbühne des großen Saals ist. Das bedeutet für jede in der Stadthalle gezeigte Produktion wenigstens drei Tage, an denen sowohl Studiobühne als auch Theatersaal blockiert sind.
Eine separate Studiobühne mit den technischen Voraussetzungen, wie sie derzeit nur die Stadthalle bietet, würde es uns ermöglichen, den Spielplan deutlich zu straffen, um den Festivalcharakter zu stärken.

Einzigartige Bereicherung

Hast du über all die Jahre ein Lieblingsstück gefunden, das du hier in Mülheim gesehen hast? Stephanie Steinberg: Ganz stark und nachdrücklich beeindruckt hat mich „Rechnitz (Der Würgeengel)“ von Elfriede Jelinek. Das Stück sowieso, aber auch die Inszenierung. Jossi Wieler hatte mit dem Ensemble der Müchner Kammerspiele eine kongeniale Umsetzung gefunden. Das ist so ein Abend, den jeder sehen müsste, der wissen will, was Theater kann.

Liest du in deiner Freizeit gerne dramatische Texte?
Stephanie Steinberg: Ich lese sehr viel, aber vor allem Prosa. Das Schreiben unserer „Mülheimer“ Autor*innen verfolge ich natürlich aktiv. Und durch die Diskussionen des Auswahlgremiums habe ich ja die höchst komfortable Situation, dass ich mit den kompetentesten Tipps und Einschätzungen versorgt werde. Diese Treffen sind natürlich wahnsinnig spannend und ein unschätzbarer Luxus. 

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