atlas

atlas von Thomas Köck / Foto: Rolf Arnold
1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

 

 

Das wichtigste Verbindungsglied in einer globalisierten Welt bleibt die Zeit. Thomas Köck verschränkt in „atlas“ zwei nationale (Wieder-)Vereinigungen über 50 Jahre und mehrere Kontinente. Eine Mutter verliert auf der Flucht aus Saigon 1974 ihre Tochter aus den Augen, beide überleben nur knapp den Exodus der Boat People. Die Tochter gerät in den 80ern als vietnamesische „Vertragsarbeiterin“ in die DDR, wo sie als billige Arbeitskraft aus dem „sozialistischen Bruderstaat“ in einer Textilfabrik schuftet. Sie verliebt sich in den Dolmetscher, wird schwanger und muss in den Wirren der Wende untertauchen, um nicht abgeschoben zu werden – gleichermaßen unerwünscht zuerst noch vom einen alten, dann vom doppelten neuen Deutschland. Ihre Tochter wird sich 30 Jahre später mit einem vergilbten Foto in der Hand auf den Weg nach Vietnam machen, um die Großmutter ausfindig zu machen.
Thomas Köck erzählt keine Biografien von individuellem Leid oder glücklichem Ausgang, ihn interessieren die Verschränkungen über Grenzen, Staaten und vor allem über die Zeit hinweg. Die Figuren sind den Zufällen und politischen Situationen ausgeliefert, Bezüge überschneiden sich wie Orte, Situationen und Lebenslinien. Jede Zeitschicht bleibt letztlich ein Raum für sich, auch wenn die Uhren gleich ticken. Staaten mögen die Macht haben, aber über die Zeit bestimmen die Geschichten der Menschen.

Franz Wille

Ein Auftragswerk für das Schauspiel Leipzig

 

Uraufführung: 
am 27. Januar 2019, Schauspiel Leipzig
Stückabdruck: 
Stückabdruck in Theater heute 1/2019
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