Auf der Parkbank
Wer Hassan, Österreicher mit exiliranischen Eltern, fragt, wer denn nun Schuld daran habe, dass sein Bruder gerade auf ein Urteil wegen Drogenkleinvertrieb und der Rempelei bei der Festnahme wartet, der bekommt eine überraschend differenzierte Antwort: Seines Bruders Schuld, weil er „jahrelang sich diesen Weg ebnete“, seine eigene Schuld, weil „ich jahrelang auf Einsicht hoffte“, und nicht zuletzt eure Schuld, „die ihr jahrelang nur zugesehen habt“. Also sollte man die Schuldfrage, weil unlösbar, besser gleich beiseitelassen. Was aber andererseits ganz und gar nicht heißt, alle deshalb zu entschuldigen.
Die Schuldfrage führt schon deshalb zu nichts, weil Hassan und seine Wiener Kumpel Omar, Murat und Freddie am besten wissen, dass sie den eigenen Rassismen und dem ihrer Familien in Sachen anhaltender Nazi-Spätfolgen, Kolonialvergangenheit oder Islamismus in ihren jeweiligen Communities kaum entgehen können. Erstens, weil sie sie selbst mit drinstecken, zweitens, weil ihnen die entsprechenden Etiketten schon von ihrem Aussehen her zugeschrieben werden und drittens, weil Klischeegefängnis Österreich: „… dadurch werden alle gefickt. Meine Mutter, mein Vater, ich.“ Außerdem können sie das alles natürlich schon lange nicht mehr hören, müssen aber trotzdem andauernd darüber reden.
An äußerer Handlung passiert nicht viel in Arad Dabiris „DRUCK!“ außer Auf-der-Parkbank-sitzen und quatschen, aufs Urteil warten und am Ende noch eine gut gemeinte Demo für Hassans Bruder organisieren, die – Reizthema Migrationspolitik – leider böse aus dem Ruder läuft. Trotzdem bleibt es dank der vier gut geerdeten Jungs und nicht zuletzt dank Hassans Schwester Shirin bis zuletzt spannend. Shirin hat nämlich noch ein anderes Problem in dieser Männerwelt: Als Frau muss sie, um klarzukommen, noch ein bisschen pragmatischer und tougher sein als die vier. Mit Diskussionen über Integration oder mit kulturellen Heimatgefühlen hält sie sich gar nicht erst auf: „Hier anpassen und besser leben. That’s it.“ Also BWL-Studium, Wirtschaftsuniversität mit Einserschnitt und Geld verdienen. Alles für maximale Selbstbestimmung: „Die Welt ist nun mal unfair, aber ich mach was dagegen. Ich reiß mir den Arsch auf, jeden Tag meines Lebens, immer und immer weiter. Nur damit ich die alle ficken kann.“
Kann sie am Ende leider doch nicht. Denn als die Demo kippt, die sie ohnehin für eine dumme Idee hält, als sich die Rechten, die Linken und ein paar dazwischen prügeln und ihr Bruder Hassan in einem Gewaltrausch einen Gegner fast totschlägt, kann sie nur ohnmächtig zusehen. Dafür hat Hassan am Ende doch Glück im Unglück. Sein Urteil fällt milde aus, weil der angehende Medizinstudent einen akademischen Bewährungsbonus bekommt. Der nichtakademische Bruder wird dagegen wegen fast nichts für drei Jahre verurteilt. „Es gibt da ein Sprichwort bei uns: / In meiner Stadt / Wirst du etwas / Oder aber fällst / Aus dem sechsten Stock.“ – Franz Wille, Auswahlgremium Stücke 2026