Schwein muss man haben
Aaron ist Geologe und weiß als Spezialist für Bergbauabfälle ziemlich genau über den prekären Zustand der Erde Bescheid. Zum Beispiel weiß er, dass nur 0,5 Prozent der geförderten Rohstoffe genutzt werden und die restlichen 99,5 Prozent Müll sind. Sein Vater ist evangelikaler Pastor auf dem Land und raucht nur heimlich, weil er findet, dass sich das für einen Gottesmann nicht gehört. Dass er homosexuell ist, muss er nicht geheim halten, das hat er sich selbst nie eingestanden. Aaron aber kann der Vater nichts vormachen, der ist selbst schwul.
Die ökologische Krise der Welt, unterdrückte Sexualität in der Provinz: Solche Themen werden normalerweise in dystopischen Endzeitdramen oder wütenden Problemstücken verhandelt. „To My Little Boy – Held aus Polyester“ ist weder das eine noch das andere, sondern das liebevolle Porträt eines Sonderlings, der sich ein bisschen schwer tut mit alltäglichen Herausforderungen des Lebens wie Kommunikation, Liebe oder Sex: „Ich denke, Aaron hat ADHS“, sagt die Autorin über ihren Protagonisten. Mit seiner besten Freundin Anouk kommuniziert er hauptsächlich online, und als diese ihm mitteilt, dass sie schwanger ist, fällt ihm dazu nicht mehr als „ok“ ein.
Der lakonische Witz ist charakteristisch für die Stücke der norddeutschen Dramatikerin Caren Jeß (geb. 1985). Für die Mülheimer Theatertage war sie erstmals 2020 mit ihrem Debüt „Bookpink“ nominiert, einer Sammlung von sieben Minidramen, in der die Autorin das Genre der Tierfabel wiederbelebte; 2023 gewann sie mit „Die Katze Eleonore“ den Mülheimer Dramatikpreis – einem Monolog, in dem eine Immobilienmaklerin beschließt, sich in eine Katze zu verwandeln.
Auch „To My Little Boy“ ist ein Monolog – allerdings mit dialogischen Einschüben. In der Hamburger Uraufführungsinszenierung (Regie: Marie Bues) spielt Torben Kessler den Aaron, Cino Djavid und Cennet Voss übernehmen alle anderen Rollen. Und wie in den bisher in Mülheim gezeigten Jeß-Dramen spielt ein Tier auch diesmal eine wichtige Rolle, wenn auch kein echtes: Der 42-jährige Aaron will sich nicht von seinem geliebten Plüschschwein Tupper (benannt nach den praktischen Plastikboxen) trennen, das seit drei Jahrzehnten an seiner Seite und entsprechend versifft ist („Es lebt schon fast“). Die Ironie daran: Ausgerechnet Aaron, der schon als Grundschüler ein ökologisches Bewusstsein hatte und davon träumte, dereinst einen „Plastikfresser“ zu erfinden, hat ein unverrottbares Teil wie dieses zum Gefährten. Tupper ist jedenfalls auch dabei, als Aaron zu einer Geologietagung nach Peru reist. „Er begleitet mich überallhin. Weil man als Einzelkämpfer nicht weit kommt.“
Lässig wechselt Jeß zwischen Erzählpassagen und Dialogen, souverän trifft sie für ihren (Anti-)Helden zwischen wissenschaftlicher Koryphäe und großem Kind den passenden Ton, sogar für zwischendrin eingestreute Zitate aus klassischen Balladen („Tand, Tand, ist das Gebilde von Menschenhand“) ist Platz. Am Ende hat er zwar sein Plüschschwein verloren, nicht aber die Hoffnung darauf, dass es vielleicht noch weitergeht mit ihm und dem Anthropozän.
– Wolfgang Kralicek, Auswahlgremium Stücke 2026