Prinzling Love
Ein nackter Mann liegt malerisch in der Landschaft. Um ihn herum Fels, Wald und Wolken, wildromantisch über einen extrabreiten Kulissenvorhang wuchernd, dazu ausgestopftes Getier, hier Geweihe, dort Gefieder. Alle Blicke aber auf sich zieht zunächst der hingestreckte Rückenakt. Seine Haut schmilzt hinein in diesen Flecken Erde. Reglos, wie angespült, wirkt er. Und reglos wird er bleiben.
Das ist der Marmormann. Namentlicher: der Marmormarco. Ein Obiger, einer von denen ohne Flossen, dafür mit geraden Gliedern, ein schöner „Prinzling“ – und damit die Projektionsfläche des Begehrens, die Summe aller Sehnsüchte für den so anders, so viel „flutschiger“ geratenen Chor der Meerjungraun, der nun in diesem märchenhaften Kunstidyll auftaucht und versucht herauszufinden, warum das so war, warum „verschwommene“ Meereswesen sich unbedingt „an das Seiende heranpassen“, der Landmenschennorm entsprechen und um den Preis einer schmerzhaften Selbsttarnung vom „Humans Only Club“ der Marmormarcos kulturell adaptiert werden wollten.
Strukturell haben wir es hier mit Schicksalsverwandten von Hans Christian Andersens populärer Märchennixe zu tun, die ja auch zu den Menschen gehören will, um einer Prinzenliebe Willen. Dafür verwandelt sie sich, verbirgt ihre Identität, opfert ihre Wesensart und schließlich sich selbst. Kim de l’Horizon – seit dem (auch als Theaterfassung) gefeierten Roman „Blutbuch“ erster nonbinär gelesener Literaturstar der Schweiz – überschreibt Andersens Novelle von Grund auf, erfindet am Ende ein kämpferisches Plädoyer für Diversität und verfügt dabei über eine explizit verspielte Sprachmacht, die mutmaßlich jeden Zensor aus Andersens 19. Jahrhundert betäubt, beschämt – und vielleicht sogar heimlich betört hätte.
Der Chor der Meerjungraun – mehrdeutigerweise ohne f geschrieben, weil zwar jung und rau, aber sicher nicht jungfräulich, sondern „wir Weibliche mit den grossen Schwänzen“ – besteht in Kim de l’Horizons Stück aus genderfluiden Mischwesen. Auch sie retten einen „Prinzling“, dessen Partyschiff sinkt. Auch sie verlieben sich in ihr Idol und verschaffen sich mithilfe von Magie Zutritt in eine Beziehung, die sich erst wie eine perfekte Märchenpaarung anfühlt, dann wie ein bis in die letzte Emotion durchgestylter Hipsterhaushalt, eloquent, geistreich, aber eben auch elitär übersättigt.
Die Berner Ur-Inszenierung hat sich für drei sehr heutige Figuren entschieden, die aus einem unbestimmten Wir durchaus gern auch mal ins Ich gleiten. Rastlos debattierend, angeregt disputierend durchstreifen sie ihre Geschichte und die Gegebenheiten, in denen sie gestrandet sind.
Aus Liebe streben die Raun nach Anpassung. Aus Anpassung entsteht Schmerz. Und aus dem Schmerz entsteht neue Sehnsucht. Jene nach queerer Selbstentfesselung.
Am Ende reckt sich die marmorfarbene Menschenskulptur aus dem Erdreich. Kleidet sich divers. Und erprobt ihr neues Ich an der Realität.
– Stephan Reuter, Auswahlgremium Stücke 2026