Verkauft wird nicht!
Der Begriff „Überschreibung“ ist aus der bildenden Kunst entlehnt. Dort heißt es „Übermalung“, der Vorgang aber ist ungefähr derselbe: Eine – möglichst allgemein bekannte – Vorlage wird „überschrieben“. Das Stück wird also mehr oder weniger neu geschrieben, und so wie bei Übermalungen das alte Bild an der einen oder anderen Stelle noch durchschimmert, gehört es zum Reiz der Überschreibung, dass die Vorlage mehr oder weniger deutlich erkennbar bleibt. Das Spektrum ist groß: Mal ist die Überschreibung mehr Nachdichtung als eigenständiges Werk; mal fällt sie so radikal aus, dass vom ursprünglichen Stück kaum noch eine Spur ist.
Unter den zahlreichen Überschreibungen, die auch im vergangenen Jahr wieder uraufgeführt wurden, ragt „Der Girschkarten“ von Lukas Rietzschel (geb. 1994) heraus. Der ostdeutsche Autor war 2025 mit „Das beispielhafte Leben des Samuel W.“ für die Mülheimer Theatertage nominiert; einem Doku-Drama, das auf mehr als 100 Interviews basierte und nach Erklärungen für den unheimlichen Erfolg der AfD im Osten suchte. Das neue Stück ist eine Überschreibung von Anton Tschechows Tragikomödie „Der Kirschgarten“ (1904), aus dem bei Rietzschel ein Zeitstück aus der deutschen Gegenwart wird. Enrico Lübbes abstrakte Leipziger Uraufführungsinszenierung vermeidet jedes Lokalkolorit und das Stück ist geografisch auch nicht genauer verortet, aber wer sich zum Beispiel ein Provinznest in Brandenburg vorstellt, liegt wohl nicht ganz falsch.
Bei Tschechow geht’s um ein Landgut in Russland, das wegen Geldnot der Besitzerin versteigert wird; am Ende lässt der neue Inhaber den prächtigen Kirschgarten abholzen, um Platz für Ferienhäuschen zu schaffen. Um ein solches Häuschen geht es bei Rietzschel, es ist längst baufällig geworden. Und nachdem die Besitzerin ins Seniorenheim gezogen ist, soll es verkauft werden; die Investoren warten schon. Die Kinder und Enkel sind aus der Großstadt angereist, um den Vertrag zu unterzeichnen, doch die alte Mutter stellt sich quer: Sie wolle nicht verkaufen, sagt sie.
An der Oberfläche ist „Der Girschkarten“ eine Familienkomödie um eine renitente Oma, aber es geht um mehr: ein zu Ende gehendes Leben, eine untergehende Welt. Ein letzter Kirschbaum erinnert noch an den Kirschgarten, den es auch hier einst wohl gab; sogar das dazugehörige, längst verlassene Gut, von dem nur noch die Grundmauern stehen, wird am Rande einmal erwähnt. Das sind so die Stellen, an denen das alte Bild durchscheint.
Am Ende aber wird deutlich, dass der „Kirschgarten“ hier nicht nur überschrieben, sondern auf den Kopf gestellt wird: Bei Tschechow siegt am Ende – zum Entsetzen der alten Besitzerin – der Kapitalismus; bei Rietzschel verweigert sich die alte Besitzerin – zum Entsetzen ihrer Nachkommen – der Logik des Kapitals. Das Haus soll weder abgerissen noch renoviert werden, sondern einfach in Ruhe verfallen können. Für Investoren ist das keine Komödie, sondern ein Schauerdrama. – Wolfgang Kralicek, Auswahlgremium Stücke 2026