Rausch der Weltwahrnehmung
Zwei Schwestern, eine Diagnose – gestellt von „Menschen der Sorte Arzt“: sie seien keine „richtigen Menschen“, sondern „Automaten“. Anna Behringer zeichnet in ihrem Stück die Eindrücke und Empfindungen neurodiverser Personen auf. Personen, die Sprache wörtlich verstehen und deren Wahrnehmung nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entspricht. Dafür nimmt die Autorin konsequent die Perspektive der Geschwister ein, denen „normales“ Verhalten stets ab- und „falsche“ Gefühle zugesprochen werden. Eine Seelenschau in Versform hat die Autorin geschrieben. Eine, die Stiche setzt ins normative Herz unserer Gesellschaft.
„wir sollen die Wahrheit sagen / wir sollen nicht die Wahrheit sagen / wenn die Wahrheit wehtut / sollen wir sie nicht sagen“, sprechen die Schwestern. Weil sie nicht so einfach ins soziale System passen, werden sie eingewiesen, verbringen ihre Zeit fortan im „weißen Zimmer“ einer Klinik. „wir essen Tabletten zum Frühstück und / wir essen Tabletten zum Mittag und / wir essen Tabletten zur Nacht und / wir antworten auf Fragen und / wir sitzen im Bett und / wir liegen im Bett und / wir müssen ins Bett …“. So präzise wie Rilkes Malte Laurids Brigge seine mannigfachen Eindrücke in der Großstadt Paris ins Tagebuch notiert, so punktgenau und aufschlussreich formuliert Behringer in ihren „Aufzeichnungen“ Welterfassung aus „atypischer“ Sicht. Sie beschreibt einen weiteren Blick auf diese unsere Welt, so poetisch wie entlarvend, bis die Worte selbst zu Fetzen der Perzeption werden: „kopfschreit / zahnspitz / brüllt raus“.
Mit den Augen der Schwestern sehen wir ein weiteres Mädchen in ihrem Zimmer, das fürchtet, sich in ein Schwein zu verwandeln. Wir sehen Weihnachten, wie es die zwei zuhause verbringen, bis sie sich den Kopf am Spiegel blutig schlagen und von „Männern in weißen Anzügen und / grünen Westen“ wieder abgeholt werden. Wir sehen die Eltern, denen die Kinder „so viel Arbeit / machen“. Wir sehen den Jungen mit einer Rasierklinge im Mund und das Mädchen, das sich damit umbringen wird: „am Morgen / ist das Mädchen / weiß verpackt / da / lacht es und sagt / nichts“. Und mit jeder Zeile lernen wir ein Anders-Sehen, ein Anders-Denken.
So zeigt sich die Autorin Anna Behringer auch in ihrem neuen Stück als sezierende Menschenbeobachterin. Ihr Alter Ego ist die Regisseurin Thirza Bruncken (wie jetzt auch offiziell bekannt wurde). Und die inszeniert die Uraufführung am Schauspiel Leipzig mit drei Darsteller*innen (Vanessa Czapla, Samuel Sandriesser und Bettina Schmidt) in einer weißen Box. Die ist voll beklebt mit Zeichnungen, Schriften, Fotos. Es sind Ausschnitte eines Lebens, Zeugnisse der Informationsverarbeitung, visualisierte Gedanken, interpretierte Reize. Sie geben den Raum für einen eindrücklichen Rausch der Wahrnehmungen. – Sarah Heppekausen, Auswahlgremium Stücke 2026